Donnerstag, 5. Juni 2014

Unter Segeln: Von Venedig nach Ravenna

Als die Lagunenstadt Ravenna 402 n. Chr. zur Nachfolgerin Roms als Hauptstadt des weströmischen Reiches aufstieg, gab es Venedig noch nicht. Es war nichts weiter als ein paar von Steckmuscheln besiedelte Schlickbänke. 150 Jahre später, im sechsten Jahrhundert, waren beide Städte Befehlsempfänger von Byzanz, der "dux", aus dem in Venedig der Doge wurde, berichteten nach Byzanz, die Nachfolgerin Westroms. Beste Aussichten also für Ravenna wie für Venedig.

Wie jeder weiß, machte Venedig das Rennen, bis hin zur Eroberung der einstigen Lehnsherrin 1204. Was könnte also reizvoller sein, als nach Venedig Ravenna aufzusuchen. Und auf Spurensuche zu gehen.

Die Ausfahrt durch die Kanäle: im Hintergrund Venedig, vorbei an bebauten Inseln
Mutig geworden durch unser Torcello-Abenteuer, gehen wir nach Süden über die Kanäle, nach Malamocco, dann nach Chioggia, immer an der Innenseite des Lido entlang.


Es ist sehr wenig los hier draussen, wir begegnen während der zweieinhalbstündigen Fahrt nach Chioggia ein, zwei Seglern und ein paar Fischern mit ihren hochmotorisierten Sanpierotas, die die Kanäle zu ihrer Rennstrecke erwählt haben. Sonst nichts. Es ist eine Fahrt ins tiefe, tiefe Blau.


Ganz im Westen kann man im Hintergrund des Bildes die Hügellandschaft des Collio erkennen, sonst Wasser, Himmel, Dalben, Stille. 

Der Lido, ein langer, schmaler Sandstreifen, ist, je näher man ihm kommt, meist mit netten Siedlungen bebaut, Pellestrina ist einer davon. Und wäre meine Liste mit Orten, an denen ich gerne leben würde, nicht schon überlang und übervoll für drei Leben: Pellestrina käme mit drauf.


Auf der anderen Seite stehen auf Pfählen immer wieder Hütten von Kranfischern, längst verlassen die meisten, als hätten die Kranfischer einträglichere Erwerbsmöglichkeiten gefunden. Vielleicht erklären ja die mancherorts herumstehenden Kühlhäuser der "Cooperative delle Mollusche", frei übersetzt "Muschelzüchter-Kooperative", manches.


Vor Chioggia dann hinaus aufs Meer, das hier eine ganz andere Farbe hat, als weiter oben. Statt des unergründlichen graugrünblau der Nordküste ist das Meer schillernd braungrün, die Sedimente, die die Flüße hier mit anspülen, sind braun. Es lädt irgendwie nicht zum Baden ein, und als wir beide gleichzeitig neben dem Boot eine große schwarze Flosse sehen, die gleich wieder verschwindet, ist's mit der Badelust ganz vorbei. 

Die Nacht verbringen wir ankernd vor Albarella, und als uns - buchstäblich aus heiterem Himmel - eine heftige Tramontana für knapp 10 Minuten überfällt, bin ich froh, den Anker fest eingefahren zu haben. Ich fürchte die Tramontana mittlerweile, die ich jetzt drei, vier mal erlebt habe, mehr als die Bora, über die so viel berichtet wird.

Am nächsten Tag nach Ravenna, wo uns die Marina - es ist Sonntag, alle Bootsbesitzer sind da - mit der Atmosphäre der Eigentümerversammlung einer großen Wohnanlage empfängt. Alles sehr wohlhabend und gepflegt, viele große Boote, das sieht man Italien mittlerweile selten. Viele schöne GFK-Boote, oh ja, aber kein richtig schönes Holzboot. An Italienern schätze ich, dass im Gegensatz zu Deutschland Fremde selten beglotzt werden. Man schaut kurz und geht seiner Wege, so kenne ich das aus den Hafenstädten. Hier aber wird geglotzt aus Leibeskräften. Ich frage mich nach einer Weile, ob ich das falsche Hemd anhabe, Levje einen toten Hund im Bugkorb hängen hat, Katrin schielt mißtrauisch auf Levje's neue Solaranlage. Naja, lange bleiben wir nicht. 

Ravenna selber ist auch nicht einladend, kann vermutlich dafür aber wenig. Volle Strände und: viele, viele Schwarzafrikaner, die im Bahnhofsviertel herumhängen, ihrer Heimat verlustig, und wenn ich sie reden höre, ihrer Muttersprache brutal entwurzelt. Italien hat da ganz schön zu tragen an seiner Last der EU-Außengrenze, die das Land zwingt, Emigranten abzuweisen oder aufzunehmen, aber diese Bürde doch bitte alleine zu tragen. Auch wenn ich keine Lösung sehe: Deutschland spielt bei diesem Kapitel keine rühmliche Rolle, und das wird auf Dauer nicht weitergehen.

Ravenna und die Mosaiken, und Theoderich: da komme ich natürlich gar nicht vorbei. Es sind aber die kleinen, unbeachteten Relikte, die mich faszinieren, wie diese beiden hier aus San Giovanni Evangelista, unauffällig und erzählend wie eine Buchmalerei:



Um auf den Anfang dieses Posts zurückzukommen, will ich den großen französischen Historiker Fernand Braudel zitieren, der in einem seiner Bücher über das Mittelmeer sinngemäß fragt, was aus Venedig geworden wäre, wenn es Mitte des 19. Jahrhunderts einen wachen Stadtoberen gegeben hätte, der sich durchgesetzt hätte mit der Forderung, dass man mit der neuen Zeit gehen müsse. Werften, Betriebe, Industrie ansiedeln müsse. Die Antwort auf diese Frage, schreibt Braudel, sei im heutigen Genua zu finden. Und in Ravenna.








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