Montag, 6. April 2020

Segeln, Corona und das Leben der Anderen: Ein Winken aus dem Hafen von Lavrion, Griechenland.

Susanne Kühl ist seit vier Wochen bei ihrem Boot in Lavrion in Griechenland. Über Ihre Erlebnisse in der Hafenstadt berichtet sie im folgenden Beitrag.
Bei jeder unserer Begegnungen erschien mir Susanne Kühl Inbegriff eines echten "Haudegens". Es ist ein ungewöhnliches Leben, das sie lebt, und Arbeit und Freizeit hat sie kompromisslos so ganz anders miteinander verbunden, wie ich es von kaum einem anderen Menschen kenne. Susanne fährt allein ihren Transporter mit Anhänger von Hamburg europaweit auf die Messen wie nach Düsseldorf oder Wien, auf denen sie ausstellt. Susanne baut ihren Riesen-Messestand meist allein auf, auch wenn sich immer einer findet, der ihr hilft. Susanne segelt ihr Boot allein durch Griechenland und repariert ihren Schiffsdiesel, wenn's Not tut. Vor zweieinhalb Jahrzehnten war sie eine der ersten mit der Idee, ausgemusterte Segel gründlich aufzuarbeiten und daraus modische Reisetaschen, Laptoptaschen, Rucksäcke und Segeltuchjacken zu nähen und diese über ihren Webshop und auf Messen zu verkaufen. Aus der Idee ist eine Werkstatt in Hamburg entstanden, dann eine Firma mit Namen SK-DESIGN, mit Produktion in der Hansestadt und im europäischen Ausland. "Unternehmer" nennt man jemanden, der etwas mit eigenem Kapital wagt und produziert -  auch wenn man bei dem Wort "Unternehmer" eher an gesetzte Herren im Zweireiher und nicht an die Frau im weißen Transporter denkt.

Bereits die Messe in Wien Anfang März war von den Corona-Ausläufern überschattet. "Ich habe wie immer meinen Stand aufgebaut. Es waren zwar weniger, aber überraschend viele Besucher auf der Messe, aber beim Aussteller-Abend sagte der Messeveranstalter, man hoffe, wegen der Coronakrise auch noch die letzten drei Tage der viertägigen Messe ohne behördliche Schließung über die Bühne zu bringen." Ein Gewitter am Horizont, sagte sich der Haudegen, setzte sich nach Messeende hinters Lenkrad des Transporters und rollte von Wien nach Lavrion zu ihrem Boot, um ihr Boot für die Saison vorzubereiten.

"Nach meiner Ankunft hatte ich bald geahnt, dass mein Aufenthalt vielleicht länger dauern könnte und fragte den Besitzer des Geländes, der auch Inhaber einer hiesigen Segelmacherei ist, ob er nicht ein paar alte Segel für meine Taschen-Produktion für mich hätte. Aber dann wurde Corona auch in Griechenland zum Thema. In Lavrion war das zunächst nicht tragisch. Aber ich kam ja aus Wien von einer internationalen Messe. Und um die Arbeiterinnen zu schützen, habe ich dann die Idee verworfen, zusammen mit ihnen zu arbeiten. 

"Allein auf einem Boot": Blick von Susanne Kühls Boot. Schiffe stehen reichlich auf
ihren Landstellplätzen, auch wenn sie derzeit die einzige ist,
die an ihrem Boot arbeitet. 
Die griechische Regierung schloss sich den anderen Ländern an, einen harten Kurs wegen Corona zu fahren. Restriktionen auch hier, und Ausgangssperre. Ich habe dann versucht, wenigstens meine Firma von hier aus am Laufen zu halten von meinem Arbeitsplatz im Transporter."


Noch vor zwei Wochen wäre in Lavrion alles sehr entspannt zugegangen - die offiziellen Infektionszahlen waren und sind bis heute sehr niedrig.

Bis die Ausgangssperre nach Lavrion kam. Restaurants und Kneipen blieben geschlossen. Wer ausgeht, der braucht einen selbst ausgefüllten Passierschein - der nur noch jemanden berechtigt, sein Zuhause in besonders begründeten Fällen zu verlassen.

Der griechische Passierschein, den Susanne ausfüllen muss, und der ihr das Verlassen des Werftgeländes
nur noch zum begründeten Zwecken wie dem Gang in die Apotheke oder zur Hilfe Anderer gestattet.

"Nur noch die Take-Aways waren in der Innenstadt erlaubt - allerdings soll man alles telefonisch vorbestellen und nur zum Abholen vorbeikommen - nicht mehr als zwei Leute sind in einem Laden erlaubt. Neulich bin ich mal in einen Take-Away gerauscht, da saßen drei junge Griechen um einen Kaffeehaus-Tisch. Ich hab zum Spaß 'Kontrolle' gerufen, als ich reinkam. Da wurden die Jungs ganz blass um die Nase."

Die echten Kontrolleure in Lavrion, so sagt es Susanne, würden mit Augenmaß arbeiten. Nur wer sinnlos im Ort herumkurvt, der würde angehalten und kontrolliert - ihr selber ist das noch nicht passiert. Überhaupt stünde die Bevölkerung mehrheitlich hinter den Maßnahmen ihrer Regierung und würde sich gut an die Bestimmungen halten. Bei manchen sei es die Angst vor der Ansteckung. Bei anderen die Furcht vor Geldstrafen. Doch das häufigste Motiv sei, dass jeder in Griechenland wisse, wie sehr die Wirtschaft vom Tourismus als wichtigstem Wirtschaftsfaktor abhänge. Das "Wenn jetzt nicht alle mitmachen, dann versemmeln wir das möglicherweise" sei beeindruckend.

Am 2. April kam das Arbeitsverbot für die meisten Betriebe. Handwerker der Bootsservicefirmen durften ab da nicht mehr auf das Werftgelände, die letzten Arbeiter hat sie dort an diesem Tag gesehen. Sie sei jetzt - neben den 30 Hunden auf dem Werftgelände - die einzige, die an ihrem Boot herumwerkelt. Nur noch auf den großen Motoryachten am anderen Ufer seien die 2-3 Mann Besatzung auf den 

Im Stadthafen von Lavrion wäre an der Pier normalerweise kein Platz mehr frei. Auf der Pier wäre mächtig Betrieb, doch jetzt herrscht gähnende Leere... 
Booten, um aufzupassen und die Leinen zu kontrollieren. Beim Staat können die Beschäftigten einmalig 800€ beantragen. Geld, das in Griechenland im besten Fall für eineinhalb Monate reiche. "Allerdings ist der familiäre Zusammenhalt in Griechenland sehr stark. Die Familien halten unglaublich zusammen. Man hat hier seine Familie - denn von den 200€ Arbeitslosengeld konnte keiner in Griechenland lange leben."

Supermärkte und Lebensmittelhändler haben geöffnet. Es herrscht Handschuhpflicht, die Alten seinen mit Mundschutz in den Läden unterwegs. Die Versorgungslage sei gut. Wo es in Deutschland beim Toilettenpapier und in Frankreich (so wird gemunkelt) bei Rotwein und Kondomen Engpässe gäbe, sei in Lavrion keine Hefe mehr zu bekommen. Und eine bestimmte Mehlsorte ist auch nicht mehr zu haben. Wie wohl das kollektive Rezept lautet?

Um sich vernünftig um ihre Firma zu kümmern, will sie nach Deutschland zurückkehren. Aber das sei schwierig. "Mit dem Auto ist das jetzt vollkommen unmöglich. Alle Ländergrenzen sind dicht. Nach Bulgarien, Rumänien, Ungarn kommt niemand mehr rein, der dort nicht seinen Wohnsitz gemeldet hat. Es gibt keine Transitstrecken für einen Privatmenschen wie mich, auf denen man diese Länder bis Deutschland ungehindert durchqueren könnte." 

Seit dem 23. März sind alle Direktflüge nach Deutschland und in die Niederlande storniert. Alle anderen Länder schicken selbst bei einem Zwischenstopp die Neuankömmlinge in Quarantäne. Nur die Schweiz und Belgien erlauben noch Transit ohne Quarantäne. "Ich habe mir darum einen Flug via Zürich nach Hamburg gebucht und hoffe, dass der Flug in den nächsten Tagen tatsächlich gehen wird und ich so nach Hamburg komme.

Ich selber habe keine Angst vor Corona. Im Krankenhaus möchte ich hier nicht unbedingt landen. Wie in allen Ländern herrscht auch in Griechenland Mangel an Schutzkleidung. Touristen werden dort ausgesprochen zuvorkommen behandelt, eine Erstbehandlung ist für Reisende in Griechenland kostenlos. Doch seit der Finanzkrise 2016 ist das griechische Gesundheitswesen so heruntergefahren, dass es oftmals selbst für Krebskranke nicht die erforderlichen Medikamente und Behandlung gibt. In Griechenland gibt es nur 800 Intensivbetten gegenüber 23.000 in Deutschland - das sind 0,007% Intensivbetten für jeden Kopf in der Bevölkerung. In Deutschland sinds immerhin schon mal 0,03%."

Und wie gehts weiter, wenn Sie es nach Hamburg schafft? "Da komme ich erstmal in Selbstisolation. Aber die Selbstisolation in meinem Atelier: Das wäre ja das reinste kreative Schlaraffenland - ich könnte unbegrenzt arbeiten und entwerfen."

Da ist er wieder. Der Haudegen.


Wer sich für Susannes Rucksäcke oder Taschen interessiert: Bis zur nächsten Messe dauert es noch.



Dienstag, 31. März 2020

Segeln, Corona und das Leben der Anderen: Ein Winken aus Kroatien. Renata Marević, Insel Krk, Marina Punat.

In den vergangenen Jahren habe ich auf meinen Segelreisen viele Menschen kennengelernt. Wie geht es diesen Menschen in ihren Ländern heute, das habe ich mich die vergangenen Wochen immer wieder gefragt. Heute ein Bericht von der Insel Krk aus der Marina Punat.


Renata Marević lernte ich 2017 für eine Reportage in der Zeitschrift YACHT kennen und schätzen. Sie leitet die Marina Punat an der Südspitze der Insel Krk,
mit über 1.250 Wasserliegeplätzen einen der größeren Sportboothäfen Kroatiens. Im nachfolgenden Interview spricht sie über Kroatien, ihre Sorgen
und ihre Hoffnungen in der Krise. 

tk: Guten Morgen, Frau Marević. Wie geht es Ihnen heute?

Renata Marević: Wir sind alle gesund. In Kroatien gibt es derzeit etwa 400 Erkrankte. Soweit wir wissen, ist auf unserer Insel Krk von den knapp 20.000 Bewohnern niemand erkrankt. Aber das kann sich schnell ändern, denn Krk ist eine der wenigen unter den 1.240 kroatischen Inseln, die vom Festland aus über eine Brücke zu erreichen ist. Allerdings darf im Moment niemand mehr rüber, nur noch mit Sondergenehmigung.

tk: Wie haben Sie die letzten Tage erlebt?

Renata Marević: Ich bin 24 Stunden am Tag für die Marina-Mitarbeiter erreichbar. Die Versorgung hier funktioniert super. Wir haben nur den Stress, wenn wir nach der Arbeit nach Hause kommen, alles zu waschen, alles zu desinfizieren, um unsere Senioren zu schützen.
Meine beiden Söhne leben in Zagreb, am 22. März bebte dort die Erde und Teile der Altstadt wurden schwer beschädigt. Die Gebäude, in denen meine Söhne leben, haben das ausgehalten. Trotzdem sind bei den ersten Erdstößen morgens um halb sieben alle nach Draußen ins Freie gerannt, es fiel Schnee. Trotz der Angst vor dem Virus sind die Menschen in Gruppen durch die Straßen gerannt. Meine Söhne hatten zufällig ihre Autoschlüssel dabei, ich war froh, sie haben sich einfach ins Auto gesetzt. Und haben abgewartet.

tk: ... und wir sind nur mit COVID-19 beschäftigt. Und wie sieht Ihr Alltag auf der Insel Krk aus?

Renata Marević: Es ist nicht soviel anders wie bei Ihnen in Deutschland oder Österreich. In Kroatien gibt es seit kurzem Bewegungsbeschränkungen. Es ist verboten, die Stadt oder die Gemeinde zu verlassen. Das darf man nur mit Sondergenehmigung, wenn man seine Arbeit nicht vom Homeoffice aus erledigen kann. Und das gilt für die meisten Mitarbeiter hier in der Marina, vor allem für die Mitarbeiter auf den Stegen, die ja ständig auf den Booten nach dem Rechten sehen müssen.


tk: Auf Ihren Fotos tragen Sie alle Masken. Ist das Pflicht in Kroatien?

Renata Marević: Nein, das ist nicht Pflicht. Aber wir haben uns das hier in Marina Punat selber verordnet, um uns und unsere Mitarbeiter zu schützen.

tk: Wann ist denn das letzte Mal ein Schiff in die Marina Punat eingelaufen?

Renata Marević (überlegt lange): Da muss ich wirklich nachdenken. Das muss vor zwei Wochen gewesen sein. Ein kroatisches Boot war das. Das war tatsächlich das letzte Schiff, das in den Hafen einlief. Normalerweise wäre jetzt Anfang April ja Hochbetrieb in der Marina, vor allem an den Wochenenden.

tk: Es ist Frühjahr - zusammen mit dem Herbst die Hauptarbeitszeit einer Marina. Wieviele Schiffe haben Sie denn schon im Wasser? 

Renata Marević: Die ganze Charterflotte ist bereits ausgewintert und bereit für die Fahrt im Wasser. 150 Schiffe im Charterhafen. Aber es wird vorerst keine Kunden dafür geben. Also bleiben sie im Hafen. Insgesamt haben wir derzeit 800 Schiffe im Wasser und noch einmal fast 500 am Land.

tk: Eine ganze Menge. Sind denn augenblicklich Bootseigner in der Marina?

Renata Marević: Letzte Woche waren noch einige Gäste hier, aber die sind alle heimgekehrt. Unter den gegebenen Bedingungen und den Einschränkungen ist es das Beste, einfach zuhause zu bleiben. 

tk: ... und was würden Sie mir antworten, wenn ich jetzt in diesem Augenblick mit meinem Boot die Marina Punat ansteuern und Sie über Kanal 17 um einen Liegeplatz bitten würde?

Renata Marević (lacht zuerst): Natürlich haben wir einen Liegeplatz für jeden. Und sie dürften auch einlaufen wie immer. Aber danach ist alles anders. Sie könnten nicht auf ihrem Boot bleiben. Ein Krankenwagen würde kommen und Sie sofort in die nächste Quarantäne-Station bringen. Die ist in Rijeka, knapp 60 Kilometer von hier. In der Quarantäne würden Sie 14 Tage bleiben, die Behörden haben Anweisung gegeben, dass niemand auf seinem Boot in Selbstisolation verbleiben darf. Ihr Boot würde komplett desinfiziert werden. Die Quarantäne würde Ihnen ebenso wie die Fahrt im Krankenwagen berechnet. 
Ich selbst musste übrigens 14 Tage in Selbstisolation - ich war mit 5 meiner Mitarbeiter Anfang März auf der AUSTRIA BOATSHOW in Tulln für 4 Tage. Bei unserer Rückkehr nach Kroatien hieß es dann, wir müssten jetzt vorsichtshalber in Quarantäne. Also hab ich 14 Tage das Haus nicht verlassen.

tk: Ein Boot wäre doch eigentlich der sicherste Ort in der Krise. Dürfte ich denn überhaupt auf meinem Boot noch nach Kroatien einreisen?

Renata Marević: ... seit Ende März gilt eine neue Regelung: Alle Seegrenzübergänge sind geschlossen: Umag, Rovinj, Pula, Korcula, alles: dicht! Die Saisonstellen haben gar nicht erst aufgemacht. Nein, Sie kämen auf dem Schiff derzeit nicht mehr nach Kroatien hinein, weil sie nirgends einklarieren könnten.

tk: Und wie ist die Stimmung bei Ihnen in der Marina und im 1.500-Seelen Örtchen Punat?


Renata Marević: Wir versuchen, uns vom Pessimismus nicht anstecken zu lassen - 'we keep upright the good spirit'. Im Moment stehen Sicherheit und Gesundheit an erster Stelle. Wenn das jetzt alles ein weltweites Schicksal ist, dann ist das auch unser Schicksal. Niemand ist eine Insel - auch wir auf Krk nicht.

tk: Mancher wünscht sich in dieser Krise gar auf die Insel. Sie kennen beides - die Großstadt und die Insel. Was ist denn jetzt gerade der bessere Platz in der Krise?

Renata Marević: Die Insel hat Vorteile und hat Nachteile. Die Infektion kommt auf eine Insel langsamer und später. In der Stadt verbreitet sich ein Virus schneller ...

tk: ... Kroatien ist ja überhaupt ein bevölkerungsarmes, über weite Strecken fast leeres Land. Von den 4,2 Millionen Einwohnern teilen sich im Schnitt 75 einen Quadratkilometer. In Deutschland sind das mehr als 3x soviele ...

Renata Marević: Ja, wir leben nicht nur hier auf der Insel Krk sehr isoliert und räumlich weit verteilt. Man kann hier gut sein in der Krise, kann den Garten geniessen, was den meisten Menschen in einer Stadt nicht vergönnt ist. Der Nachteil der Insel: Wir sind auf die Brücke angewiesen. Die ganze Versorgung läuft über die Brücke, über die man die Insel ja auch gut abschotten kann nach draußen. 

tk: Was fürchten Sie gerade am meisten?

Renata Marević: Die kroatische Bevölkerung ist überdurchschnittlich alt. Das kommt daher, dass die meisten Jungen fortgingen, um ihren beruflichen Erfolg anderswo in Europa zu suchen - um als Ärzte oder sonstwie in Irland oder Deutschland oder USA zu arbeiten. Wir Kroaten werden immer weniger. Unsere Gesellschaft ist älter als die meisten. Und weil das so ist, müssen wir die Alten noch besser schützen als anderswo. Abgesehen davon wird es in und nach der Krise weniger Geld geben für Pensionen und Renten. Für öffentliche Dienste.

tk: Denken Sie viel ans "Danach"?

Renata Marević: Sehr viel. Wir leben vom Tourismus - jedenfalls unsere 1.700 Kilometer lange Küste. Die ist komplett auf den Tourismus angewiesen. Industrie gibt es eigentlich nur in unseren wenigen Großstädten. Offiziell sind es 11%, die der Tourismus am Bruttosozialprodukt ausmacht. Aber die Zahl ist  zu niedrig gegriffen. Nehmen Sie einfach mal den Ort Punat mit seinen 1.500 Einwohnern. Die Marina Punat ist nach einer Baugesellschaft der zweitgrößte Arbeitgeber am Ort. Wir beschäftigen hier ständig 150 Menschen nur in der Marina. In der Hochsaison kommen noch einmal 10% in der Gastronomie hinzu. Und dann haben wir noch die angeschlossenen Partnerfirmen: Segelmacher, Rigger, Schiffselektriker. Wenn ich unser Örtchen Punat rechne, dürfte der Anteil des Tourismus am Bruttosozialprodukt also deutlich höher liegen.

tk: Was tun die Menschen in der Marina, wenn die Arbeit ausgeht?

Renata Marević: Meine Mitarbeiter kümmern sich den ganzen Tag um die Boote. Die Eigner können auf unserer Marina-eigenen App sehen, wie es ihrem Boot geht. Gleichzeitig erhalten sie per App Berichte von den Mitarbeitern, die die Leinen und Persenninge und den Zustand der Boote überwachen. Wir haben im Frühjahr automatische Rauchmelder verteilt und Batteriestands-Messgeräte, so dass wir ständig kontrollieren können und die Batterien bei Bedarf an den Landstrom hängen können. Wir haben viel in die App investiert - aber es zahlt sich jetzt gerade aus, dass wir in engem Kontakt mit unseren Eignern stehen und diesen besonderen Service bieten.

tk: Wie gut ist die kroatische Gesellschaft auf die Krise vorbereitet?

Renata Marević: Sie meinen mit Material und Ärzten?

tk: Nein, von der Gesellschaft her. Während der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise 2016 war ich in Griechenland unterwegs. Trotz der Unruhen in Großstädten versicherten mir Griechen immer wieder, dass niemand hungern müsse. Jeder Grieche würde irgendwo etwas anbauen. Die Familienverbände wären intakt, man würde sich helfen, wo der Staat nicht helfen würde, tun es die Kommunen.

Renata Marević: Bis auf Slawonien haben wir kaum gut organisierte Landwirtschaft. Wir haben noch immer den Krieg in den 90er Jahren in Erinnerung - da waren wir plötzlich auch von einem Tag auf den anderen ohne den Tourismus. Viele haben damals die alten Olivenhaine wieder bewirtschaftet, um Olivenöl zu produzieren. Unsere Weinproduktion ist seit einigen Jahren sehr ambitioniert. Die Frage ist, ob wir einen Markt haben mit Europa, um das zu vermarkten. 

tk: Was gibt Ihnen Hoffnung in diesen Tagen?


Renata Marević: Wir haben großes Vertrauen in unseren Krisenstab. Wir glauben den Spezialisten. Es gibt keine Panik. Die Menschen halten sich an die Vorschriften. Die Infiziertenzahlen steigen nicht exponentiell, sondern linear.

Daneben gibt mir Hoffnung: Kroatien hat jetzt die Chance umzudenken. Wir können gut von dem leben, was wir in diesem Jahr nicht für den Tourismus benötigen.

tk: Sind Sie eher Optimistin? Oder Pessimistin?

Renata Marević: Es geht nicht dauernd hoch. Und es geht nicht nur dauernd runter. Ich bin mehr Optimist als Pessimist. Ich kann derzeit nichts anderes als warten - gerade weil man Fragen zur Zeit einfach nicht beantworten kann. Es gibt keine Antworten - wir müssen vorbereitet sein auf viele Szenarien. Das ist alles, was wir tun können.

Ich glaube vor allem daran, dass Segeln wieder Zukunft hat. Segeln ist viel umweltfreundlicher als alles Motorgetriebene. Wenn ich über Alternativen nachdenke: Dann hat Segeln wirklich eine tolle Chance.

tk: Ich freue mich sehr, wenn wir uns wiedersehen. Ich weiß, ich werde eines Tages mit meiner Levje wieder vor ihrem Hafen stehen und Sie auf Kanal 17 um einen Liegeplatz bitten. Darauf freue ich mich schon jetzt.

An meine Leser:
Wir alle sind Europa - und Europa ist nicht nur eine Angelegenheit der "Brüsseler Spitzen"! 
Das Leben der Anderen geht es uns etwas an. Wenn Sie nach Krk an Renata Marevic und ihre Mitarbeiter info@Marina-Punat.hr ein Winken und ein paar Zeilen senden würden, was Ihnen an den Aussagen gefallen hat, setzen Sie ein Zeichen. 
DANKE! Ich freue mich, wenn Sie mich auch tk@millemari.de auf cc setzen.








Freitag, 27. März 2020

Segeln, Corona und das Leben der Anderen: Ein Winken aus Norditalien.

In den vergangenen Jahren habe ich auf meinen Segelreisen viele Menschen kennengelernt.
Wie geht es diesen Menschen in ihren Ländern heute, das habe ich mich die vergangenen Wochen immer wieder gefragt. Heute ein Bericht aus der Marina Sant' Andrea in der Lagune von Grado.


Letzte Woche schickte mir Fortunato ein Winken aus Norditalien. Das Winken kam per WhatsApp. Fortunato ist Chef der Marina Sant'Andrea in San Giorgio di Nogaro, einer von 22 Marinas im Friaul nahe Triest. In Fortunatos Marina lag ich mit Levje ein halbes Jahr, von Sant' Andrea aus bin ich vor drei Jahren zu meiner Reise um Westeuropa nach England aufgebrochen.

Das Friaul ist zwar nicht das Epizentrum der Corona-Infektion in Italien, aber es liegt nicht weit von Venedig und den großen Städten des Nordens. Friaul hat nicht mal 10% der Einwohner Bayerns, hat aber bereits eineinhalb mal soviele Todesopfer zu beklagen.

Als ich Fortunato, Familienvater, fragte, wie es ihm ginge, stachen mir trotz all dem Optimismus seiner Zeilen die Worte ins Auge: "Lo spirito e molto basso" - die Moral sei am Boden. Dabei ist Fortunato kein Weichei. Er war Offizier in der italienischen Marine, kam in Uniform weiter auf den Weltmeeren herum als ich es im T-Shirt je schaffen werde. Hat erlebt, was Krieg ist. Als er mir das Foto mit seinem Winken schickte, versuchte er noch, mit einigen Mitarbeitern den Betrieb der Marina aufrechtzuerhalten. Er begründete das mit einem knurrigen "Ein Kapitän gehört nun mal an Deck, vor allem in Krisenzeiten" - Norditaliener, das lerne ich in diesen Tagen, sind uns näher, sie denken kantiger als die Sizilianer, mit denen ich in diesen Tagen in Kontakt bin. 


Trotzdem gibt es in der Marina am Fluss gerade nicht viel zu tun. Jetzt im März müsste es dort gerade brummen und summen wie jedes Jahr im späten Winter: Pausenlos müsste der Kran Boote aus dem Winterlager holen und ins Wasser setzen. Überall der Lärm der Schleifmaschinen, von Bohrern, von Arbeitern, die an Bootsrümpfen werkeln und Eignern, die mit Antifouling-Eimern rumhantieren. Jetzt gerade: Nichts. Stille. Fortunato geht nur noch sporadisch ins Büro, zwei Leute passen auf die Marina und die Schiffe auf.

Aus Fortunatos Foto oben mit seinem Winken grinst mich auch Giorgio im Hintergrund an. Ich kenne Giorgio und seine Frau Betta, weil ich mit den Dreien auf Giorgios Yacht MATCHLESS vor drei Jahren auf der Barcolana mitsegeln durfte. Die Fahrt auf Giorgios 22 Meter langem und 30 Tonnen schwerem Boot kam mir zwischen den 1.700 anderen Winzlings-Booten auf der Barcolana vor wie der Ritt auf einer Abrissbirne. Es hatte Wind damals, eine pfeiffende November-Bora in die Bucht von Triest, und tatsächlich räumte Giorgio ein Schlauchboot mit Presseleuten einfach zur Seite, die der herandonnernden Abrissbirne nicht schnell genug aus dem Weg gehen wollten, als wäre das stark motorisierte Schlauchboot ein Stück Treibholz. Betta erbleichte. "Coglioni", knurrte Giorgio wie ein Raubtier, ein nicht kindgerechtes Schimpfwort. Italiener halt, wie ich sie liebe. 


Auf einem von Fortunatos Fotos entdecke ich auch die MATCHLESS. Giorgios Wäsche flattert zum Trocknen an Deck im eisigen Wind. Fortunato erzählt, dass Giorgio wie immer unter der Woche auf seiner MATCHLESS lebt und nur am Wochenende zu seiner Frau nach Treviso fährt. Ob denn auch andere Skipper derzeit auf ihren Booten die Epidemie in der Marina aussitzen? Ja, sagt Fortunato - drei Italiener und ein Spanier würden derzeit auf ihren Booten in der Marina leben. Kommod sei das ja: Die Seeluft ein praktisch virenfreier Raum, an Bord alles, was man zum Leben braucht. Nur Einkaufen ist schwierig. Der Supermarkt im 7 Kilometer entfernten Städtchen San Giorgio sei zwar geöffnet, aber unregelmäßig. Und zu Fuß wären es eineinhalb Stunden, der einfache Weg.

Und was würde heute passieren, wenn ich wie damals von Kroatien oder einer meiner Venedig-Touren vom Meer her käme, den Fluss hinaufführe, an dem die Marina liegt? Würde ich von der Küstenwache gestoppt? Bekäme ich überhaupt einen Liegeplatz in der Marina? "Du würdest natürlich einen Liegeplatz in der Marina bekommen. Ein Wachmann ist da. Aber nach den derzeitigen Vorschriften müsstest Du auf Deiner Levje für 14 Tage in Quarantäne und dürftest das Schiff nicht verlassen. Aber es ist gut möglich, dass die GUARDIA COSTIERA Dich schon vor dem Fluss anhalten würde. Es herrscht das übliche Wirrwarr: Die einen Behörden sagen, dass man überhaupt nicht mehr auslaufen und auf dem Schiff unterwegs sein dürfte. Die anderen wissen davon nichts."

"Das Meer kennt keine Grenzen. Man kann keine Linie hineinritzen", schrieb ich in meinem Buch über meine Reise von Sizilien nach England, das Anfang Mai erscheinen wird. Das stimmt. Aber selbst ich, der diese Zeilen so optimistisch niederschrieb und heute noch daran glaube, bin überrascht, wie schnell das Meer, die Nordadria zu einem Raum werden kann, auf dem man sich eben nicht mehr überall frei hinbewegen kann, wie man möchte.

Vor ein paar Tagen sagte Fortunato: "Wenn wir es nicht mal in dieser Situation schaffen, irgendwie zusammenzuhalten, dann können wir Europa wirklich vergessen." Viel mehr gibts zu dem Thema nicht zu sagen. Ob Sie Fortunato nun kennen oder nicht: Wenn Sie mögen: Dann schicken Sie ihm und seinen Leuten einfach ein Foto mit Ihrem Winken zurück. Ein paar Worte, ein Lächeln können viel ausrichten in einem Land, das schon nach wenigen Wochen über 8.000 Tote zu beklagen hat. Auf die Facebook-Seite der Marina (hier clicken)  oder deren Website (hier clicken). Danke! 

Ich berichte in den nächsten Tagen weiter von Menschen in Häfen, die ich auf meinen Reisen kennenlernte.





Samstag, 8. Februar 2020

"Sabiiiiine! Jetzt treibs aber bitte nicht gar zu wild, ja?" Von Sturmtiefs, Orkanböen und Seglern, die auf See 70 Knoten aushalten.


Seine gewaltige Kraft holt sich das Sturmtief Sabine aus der gesamten Weite des Nordatlantik. Und aus - Differenzen: Aus Druck- und Temperaturunterschieden.
Sabine voraussichtlich am Sonntag, 9.2. Mittag auf windy.com.
Samstag, 8. Februar, 18 Uhr. Während ich mir eben mal wieder auf windy.com das Herannahen des Sturmtiefs Sabines angesehen habe, denke ich an mein Schiff, das dieses Jahr im Winterlager in der Werft im südirischen New Ross nahe Waterford am River Barrow liegt. Besorgt habe ich Samstag Früh noch in der Werft angerufen. "Ohh", sagte Werftchef Michael fast belustigt, "we had a series of storms this winter. Don't worry!" So sind Iren nun mal. Aber ich verstehe angesichts der für New Ross morgen angekündigten 60 Knoten-Böen, warum Michael - kaum dass mein Schiff im Herbst aus dem Wasser war - seine schwere Bohrmaschine in die Hand nahm und links und rechts der aufgepallten Levje Löcher in den Betonboden bohrte, um mein Schiff mit dicken Dübeln, Schrauben

Ein mit Spanngurten vertäutes Boot in der südirischen NEW ROSS MARINA. Der Sprayhood sieht man allerdings mehrere Stürme an.
und übers Deck gelegten Spanngurten praktisch am Boden festzuzurren. "Ich steh nicht gern auf in der Nacht", begründete Michael damals seine Aktion, "nur weil grad mal wieder Sturm über der Werft weht! Ich bohr' lieber vorher!"

Jetzt am Samstag Abend weht es in New Ross bereits mit 20 Knoten Mittelwind, in Böen mit 42 Knoten. Am Sonntag Vormittag sollen sich die Böen über dem River Barrow auf 60 Knoten, 12 Windstärken, steigern. Von Mittelengland bis deutsche Nordseeküste sogar darüber. Ich weiß, ich werde morgen Vormittag an mein Schiff denken. Und an das Sturmtief, das darüber und über Deutschland hinwegzieht.


In der Webcam [hier klicken] habe ich mir Samstag Nacht immer wieder das Wetter vor dem Hook Lighthouse, dem Leuchtfeuer von Hook Head angesehen, das die Einfahrt in den südirischen River Suir und nach Waterford markiert und an dem ich im letzten Sommer mehrmals vorbeisegelte. In der Dunkelheit habe ich zwei Autos ausgemacht, die zu Füßen des Leuchtturms parken. Liebespaare vielleicht, die im Scheinwerferlicht hinaus nach Südwesten in die Dunkelheit sehen, woher jetzt gerade Sturmtief Sabine die Seen rollen lässt.

Sabine - wer bist Du eigentlich? Und was ist ein Sturmtief?

Jede üble Wetterküche, jedes Unwetter braucht zu seiner Entstehung das gleiche wie wir Menschen, um Krach miteinander zu kriegen: starke Differenzen. Große Unterschiede - im Luftdruck, in der Temperatur, im Feuchtigkeitsgehalt der Luftmassen, die aufeinandertreffen. Es ist wie zwischen uns Menschen: Je mehr Differenzen - desto mehr Zoff!

Auch Sabines Übellaunigkeit kommt aus starken Druck- und Temperaturunterschieden. Sabines östliche Randlinie steht an diesem Samstag Abend gegen 18 Uhr ziemlich genau über meinem Dorf zwischen Starnbergersee und Zugspitze - mit etwa 1028 Hektopascal. Zur gleichen Zeit steht Sabines Kern - ihr Innerstes! - 3.000 Kilometer von hier über dem Atlantik zwischen Grönland und Island - mit 936 Hektopascal! Meteorologisch eine gewaltige Differenz.

Während ich mich heute Nacht im Bett rumdrehte, wanderte Sabines Kern still und leise, doch mit einem Affenzahn von etwa 150 Stundenkilometern ostwärts Richtung Schottland und wird am Sonntag um 8 Uhr Morgens vor den Hebriden stehen, der Inselkette westlich der schottischen Küste. Zu dieser Zeit werden dann auch schon Sabines erste Böen 1.000 Kilometer südöstlich die Strände der westfriesischen Inseln erreichen.

Sabines miese Laune wird sich steigern, ihr tiefer Kern ist nah bei uns - aber über meinem Dorf steht unverändert ihr östlicher Rand mit 1026 Hektopascal - stärkste Differenzen auf allerengstem Raum! Wir wissen, wozu sowas bei uns Menschen führt. Am Himmel über uns ist es nicht anders.

Sabines Kern wird dann am Montag langsam nordwärts entlang norwegischen Küste entschwinden. Aber die verdammten Differenzen: Die wird sie dann erst recht im engen Raum über Deutschland für zwei Tage stehen lassen. Was dafür sorgen wird, dass es Montag und Dienstag weiter weht.

Und 70 Knoten? Wie fühlt sich das an auf einer Yacht auf dem Meer? Der Segler Micha Ziese erzählt in meinem neuen IN SEENOT, wie er auf den Färöer-Inseln zwischen Schottland und Island von den Restausläufern des Hurrikans Dorian überrascht wurde - ohne Hafen. Nur in der Bucht an einer schwimmenden Stahl-Plattform hängend. Dorians Rest war "nur noch" ein Sturmtief, nicht anders wie Sabine. Und Micha hat es zusammen mit seiner Freundin Anja gut gemeistert, und ohne Krach, wie die beiden versicherten. Selbst wenn mehrere der 9 armdicken Festmacher rissen, die sie an der schwankenden Plattform hielten.

Ich hoffe jedenfalls, dass Sabine nicht zu wütend wird. Und dass die Spanngurte die nächsten 12 Stunden im südirischen New Ross nicht so stark beansprucht werden wie Micha's Festmacher auf seiner X-Trip. Hoffen wir das Beste!


IN SEENOT gibts als eBook, Print oder Hardcover-Geschenkausgabe 
unter www.millemari.de, im Shop der Seenotretter, auf Amazon 
und überall, wo es Bücher gibt.
10% des Erlöses eines jeden Exemplars gehen
zur Unterstützung der Seenotretter an die DGzRS in Bremen.




Montag, 20. Januar 2020

Wie oft sind Menschen in Seenot auf Ostsee und Nordsee? Das Buch IN SEENOT im Fernseh-Interview.

Am vergangenen Donnerstag war ich mit meinem neuen Buch IN SEENOT 
zum Interview im Hessischen Fernsehen. 
Im Folgenden der Mitschnitt des Interviews - und die Antwort auf die Frage: 
Wieviel passiert tatsächlich auf dem Wasser? Und warum eigentlich?

Wenn eine Yacht ihren Kiel verliert: In IN SEENOT berichten Beate Warnecke und Skipper Vincent Regenhart
über Kielverlust und Kenterung des Folkeboots SAGA in der Flensburger Förde

"Mut und Angst liegen nah beieinander. Das eine ist nicht ohne das andere."

Wenige Minuten vor dem Live-Interview verblüfft mich ALLE WETTER-Moderator Thomas Ranft mit diesem Statement. Er meint entschuldigend, er hätte nur kurz in IN SEENOT reingelesen. Aber im Verlauf des Interviews zeigt er, dass das nicht stimmt. Denn tatsächlich zeigt er mit diesem Satz, dass er beim Lesen vom Inhalt meines Buches mehr mitgenommen hat, als ich es von einem Leser zu hoffen wagte.

Auch im Interview zeigt sich Thomas Ranft als einer, dem das Thema nicht bloß aus Verlegenheit auf den Moderatoren-Handzettel geriet. Und so wird das Gespräch vor der laufenden Kamera nicht nur zum lieblos heruntergehaspelten Termin, sondern zu einem der besseren und von beiden Seiten überzeugt geführten Interview, auf das ich gerne unten verlinke.

Wenn eine Yacht auf Grund festsitzt: In IN SEENOT berichtet Krinka Bauer,
wie sie im Seegatt vor Norderney bei auflandigem Wind wegen eines Kartenfehlers auf Grund lief.
Erst nach der Sendung dämmert mir auf dem Weg zum Bahnhof, dass wir eine wichtige Frage im Interview nicht angeschnitten haben: Wie oft geraten Menschen eigentlich in Seenot? Neben den 20 Geschichten, die Skipper-Erlebnisse wiedergeben, habe ich für das Buch auch einige Fachinterviews geführt. Neben dem Psychologen Bernhard Streicher und etlichen anderen sprach ich auch ausführlich mit Antke Reemts, der Pressesprecherin der DGzRS. Sie wartete beim Termin in Bremen für das Jahr 2018 mit eindeutigen Zahlen zum Thema auf:

Vom 1.1.bis 31.10.18 liefen die Seenotretter auf ihren Schiffen 2.037 mal zu Einsätzen aus. Immerhin knapp 60% aller Einsätze entfielen auf Wassersportler - das waren in 9 Monaten 1.176 Einsätze. 

Was die Statistik über Seenotfälle sagt. Quelle: DGzRS, Bremen
Aber damit endet die Statistik der Seenotretter noch nicht. Unter den Ursachen fallen - in der Reihenfolge der häufigsten Einsätze - vor allem zwei Kategorien auf:

Motorprobleme verursachten 405 Einsätzen in 9 Monaten. 
Das sind ein Drittel aller Wassersport-Einsätze. Im Gespräch weist Antke Reemts darauf hin, dass diese Havarien auffällig häufig im Frühjahr auftreten - oft durch ungenügend gewartete Motoren, durch verstopfte Filter nach dem Winterlager. 
Die Zahl fällt noch höher aus, wenn man die 12 Fälle von Kraftstoffmangel - wohl ebenfalls vermeidbar - und die 11 Getriebeschäden hinzurechnet.

Grundberührungen stecken hinter 385 Rettungsfahrten.
Neben den Motorproblemen tauchen auch in IN SEENOT die Grundberührungen häufig auf. Sie sind vor allem deswegen erwähnenswert, weil sich ein großer Teil von ihnen, wie Unfallexperten sagen, "unter Beteiligung elektronischer Hilfsmittel" ereignet. Im Klartext: Laufende Autopiloten, während der Skipper unter Deck ist, Navigationsfehler, aber auch tatsächliche Fehler in elektronischen Seekarten in Küstennähe, wie wir aus dem Seegatt der Insel Norderney in IN SEENOT schildern, verursachen Havarien.

Aber auch in den immerhin 30 Fällen von "Orientierungslosigkeit", die die Statistik auflistet, sind vermutlich viele Ereignisse, bei denen elektronische Hilfsmittel mit im Spiel sind. Antke Reemts verweist in ihrem Interview nicht nur auf einen Fall, bei dem ein Anwender die Orientierung verlor, weil er im Menü seines Kartenplotters nicht mehr zur Kartenansicht zurückfand.

Vorstellung des Buches IN SEENOT im Interview am 16. Januar 2020. Zum Mitschnitt der Sendung gehts hier, 
das Interview findet sich in der zweiten Hälfte etwa ab Minute 7:10.
Doch so spannend IN SEENOT zu lesen ist, so sehr arbeitet das Buch hinter den geschilderten Ereignissen die handfesten Ursachen heraus, die in den meisten Fällen hinter Seenot stecken. Nicht alles ist vermeidbar. Aber vieles schon. Mit richtiger Vorbereitung. Und dazu will IN SEENOT einen Beitrag leisten.


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