Sonntag, 22. Juni 2014

Menschen am Meer: Das rätselhafte Volk der Vogelmenschen


Es war zu der Zeit, als Rom aus dem Ei schlüpfte. Etwa da, wo ein griechischer Geschichtenerzähler namens Homer die Lügengeschichten eines anderen Mannes sammelte und erzählte, der das Meer und diese Küste etwa 500 Jahre davor bereist hatte und den sie etruskisch Uthuse, lateinisch Ulixes, auf griechisch aber Odysseus nannten. Etwa zu der Zeit lebte hier an den Küsten des Gargano das Volk der "Daunier". Sie waren wohl übers Meer gekommen, von der anderen Seite der Adria, ähnlich wie die Messapier südlich von ihnen. Die Daunier haben, wie so viele Völker dieser Zeit, nichts oder nur wenig Schriftliches hinterlassen. Schrift gab es zwar zu dem Zeitpunkt schon lange, sie war aber nicht überall im Gebrauch und wurde vor allem in größeren Sozialgefügen praktiziert. In großen Gesellschaften wie Ägyptern, Babiloniern, die "Schrift" hauptsächlich zu Zwecken ihrer inneren Organisation (Götter, Steuern, Gesetze) oder für Propaganda (Ramses II.: "Starker Stier, der Geliebte des Re") einsetzten. Wie es scheint, hatten die Daunier wenig zu organisieren oder zu propagieren. Oder sie erledigten das auf ihre Art.


Auch ohne Schrift war das Leben dieses einfachen Volkes am Meer reich an Geschichten, und sie erzählen sie auf ihren Steinstelen. Die Steinplatten stellen ganz schematisiert Männer und Frauen dar, jede Stele besteht aus Platte und Kopf. Manchmal, wie oben, wurden nur einzelne Köpfe gefunden. Auf den Vorder- und Rückseiten erzählen die Daunier Szenen aus ihrem Alltag. Es sind einfache Steinplatten, 4-6 cm dick. Manche dieser Platten sind groß wie ein Schachbrett, andere wie eine Kühlschranktür. Sie stammen aus den Steinbrüchen des Gargano, und in sie haben die Künstler Szenen und Ornamente eingeritzt und dann mit verschiedenen Farben bemalt. 


Etwa 2.000 (!) solcher Steinstelen haben die Forscher bis jetzt gefunden, in einem Gebiet, nicht größer als der Großraum Berlin. Die Steinstelen stammen allesamt aus dem 8. und 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. 



Sich selber stellen die Daunier in diesen Szenen wie Vogelmenschen dar. Im Bild oben links ein Mann, ein Wanderer, rechts eine Frau, erkennbar an ihrem langen "Zopf". Den tragen die Frauen auf den Abbildungen häufig, auch im Bild unten.


Die Grafiken der Daunier mit den Vogelmenschen erinnern mich an Luc Bessons immer wieder sehenswerten Film "Das fünfte Element". Die Vogelmenschen auf den Plastiken haben Anmut und Würde. Und erzählen auf stille Art von ihrem Leben, ihrem Alltag, ihren Mythen. Es sind Szenen, die wir verstehen. Und doch nicht verstehen. Was sie darstellen, begreifen wir: die Bilder einer idealen Welt. Aber ich denke, dass ihr eigentlicher Inhalt die Mythen der Daunier sind: Oben die Geschichte von den sechs Krugträgerinnen, die dem Mann mit der Leier begegneten.


Hier die Geschichte vom großen Jäger, der das goldene Reh erfolglos jagte und dem die Gans den rechten Weg wies. Der Wanderer oben, der durch seinen besonderen Stab kein normaler Wanderer ist, der der Frau mit dem Krug begegnet. Auch dass die Daunier die Menschen in ihren Abbildungen mit Vogelköpfen ausstatten, hat vielleicht damit zu tun, dass es sich um Mythen handelt, um Fabelwesen, um Gestalten aus einer anderen Welt.

Was aus den Dauniern, dem rätselhaften Volk am Gargano geworden ist, ist nicht klar. Vermutlich wurden sie und ihre Kultur assimiliert, aufgesogen, eliminiert, zerrieben zwischen den Griechen, die ihre Städte auch in Unteritalien gründeten, den Samniten, später den Römern. Aber die kamen erst spät, ungefähr 500 Jahre nach den Steinstelen. Da wurde das von Griechen gegründete Siponto (heute Manfredonia) wiederum von den Römern erobert.
Und die Steinstelen der Dauner sind heute genau da, im sehenswerten Archäologischen Museum im Castello Manfredonia, der alten Stauferfestung, zu sehen. Aber das mit den Staufern: das ist eine ganz andere Geschichte.



Kommentare:

  1. Vogelmenschen im fünften Element?? Da musste ich aber mal scharf nachdenken. Bon volare! GvH A

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  2. Ja klar. In der Anfangsszene in der Pyramide. Den Köpfen und Körperformen nach ists sehr nah dran

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