Sonntag, 25. Mai 2014

Menschen am Meer: Die Ferramenta des Cirillo Marocco in Grado


Zu meinen vielen gedachten und niemals geschriebenen Büchern (allesamt wären sie wirtschaftlich ein Flop. Aber schöne Bücher, ja, das wären sie.) gehört auch eines über die italienische Ferramenta. "Ferramenta" kann man näherungsweise übersetzen mit dem, was in Deutschland vor Aufkommen der Baumärkte als "Eisenwarenhandlung" bezeichnet wurde. Aber das trifft's nur unzureichend. In einer Ferramenta gibts - außer Essbarem und Versicherungen - praktisch alles: Es ist ein kombinierter Laden für SchraubenLackeGartengeräteAngelausrüstungFischerflickzeugKinderschwimmflügel
FahrradreparaturMotorölfilterKratzernSpachtelnSchabernToolsGeschirrbürstenKaffeekochernFlanschenFittingsHähnenHanf(neinnichtzumRauchen)AbflussrohrenMessernKüchengerätenGartenharkenTauchermaskenGasanschlüssen. Und diese Aufzählung gibt nur sehr unvollständig wieder, was man in einer richtigen Ferramenta bekommen kann. 


Ich erinnere mich daran, wie wir oft bei irgendeiner Bootsreparatur in Livorno an der Westküste oder in San Giorgio an der Ostküste dringend irgendeine spezielle Schraube oder Schelle (am Meer muß es immer Edelstahl sein, alles andere rostet sofort weg, allein das ist in einem deutschen Baumarkt ein Unding) suchten, Sven mich losschickte, weil ich von uns drei Bootseignern das leidlichste Italienisch sprach. Ich die örtliche Ferramenta betrat und mich an den Typen hinter dem Tresen wandte, der mit einer bis auf den Filter heruntergerauchten Kippe im Mundwinkel in die hinteren Galaxien seiner Ferramenta verschwand und nach geraumer Zeit mit dem gewünschten oder aber immer mit Alternativvorschlägen auftauchte. Es ist ein Ort, an dem man klare Antworten bekommt.


Die "Ferramenta Marrocco Cirillo", so verkündet es das Ladenschild, gibt es seit 1932 in Grado. Sie liegt direkt am Hafen. Cirillo sagt, sein Vater habe sie gegründet, "il mio bravo papa", und von ihm habe er sie übernommen. Cirillo steht jeden Tag allein im Laden, freundlich und resolut und mit dem Leben vollkommen versöhnt. Kennen gelernt haben wir ihn vor zwei Jahren. Wir betraten seinen Laden auf der Suche nach einer Caffettiera, dieser einfachsten aller italienischen Espressomaschinen. Cirillo war nicht im Laden, der Laden war leer. Katrin, die an sich ein respektvoller Mensch ist, aber beim Fotografieren urplötzlich weder Freund noch Feind und nur noch Beute kennt, fotografierte im Universum munter drauf los, als Cirillo, wie immer im blauen Hemd, den Laden betrat und uns resolut des Universums verwies. Er war nicht unhöflich, aber eben mit Recht resolut ob der Tatsache, dass wir ihn nicht vorher gefragt hatten, ob wir fotografieren dürften. Aus Scham und Schuld haben wir, um den zornigen Gott zu besänftigen, gleich die größte Caffettiera gekauft und noch eine kleine dazu.


Als ich Cirillo vorgestern fragte, wieviele Teile er denn in seinem Laden habe, zuckte er mit den Schultern und lächelte. Er wisse es nicht, aber er habe sie alle im Kopf, und tippte sich dabei lächelnd an die Schläfe. Und: er habe jede einzelne Schachtel selbst beschriftet. Ich habe die Schachteln nie gezählt, es nicht mal versucht.


Cirillo ist heute 82. Er hat einen Sohn, aber der macht etwas anderes und wird den Laden nicht übernehmen. Ich kann mir auch nicht denken, dass ein Anderer einfach in Cirillo Marocco's Ferramenta eintritt und sie einfach weiterführt. Man kann ein Universum nicht weiterreichen. Und so wird in einigen Jahren an der Stelle, wo heute Cirillo's Universum seinen Platz hat, vermutlich eine Gelateria oder "Pizza a volo" eröffnen. Für einen weiteren marittime Geschenke- oder Markenladen ist der Platz von Cirillo's Ferramenta zu klein.


Am Ende dieses Artikels noch eine Bitte: Cirillo Marocco freute sich über meine Idee, etwas über ihn zu schreiben. Er bat mich, ihm doch ein Foto zu senden, und resolut, wie er ist, erbat er dieses Foto im Format 30 x 20 (gibts das?). 
Aus technischen Gründen ist es mir nicht möglich, das von unterwegs zu machen. Wäre einer meiner Leser so freundlich, das für ihn und mich zu übernehmen. Ich bin dankbar, wenn sich jemand meldet. Ein Foto und die Adresse schicke ich. 





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