Montag, 18. Juli 2016

Menschen am Meer: Die Regatta der Lateinersegler in Sciacca.


Am Vorabend der Regatta: Quer durch den Hafen unternehmen die Segler eine "Passagiata su remi", einen Spaziergang unter Rudern hinüber zur Figur der Madonna.

In Sciacca an Siziliens Südküste gibt es - anders als in manch anderen sizilianischen Häfen - gleich zwei Segelclubs, die hervorragende Steganlagen und Liegeplätze für Fahrtensegler anbieten. Die LEGA NAVALE und den CIRCOLO NAUTICO IL CORALLO. Und weil Maria von der LEGA NAVALE gerade keinen Platz hatte, landete ich im CIRCOLO NAUTICO. Das Leben lenkt einen manchmal schon in die richtige Richtung, und Sciacca meinte es gut mit mir.

Denn gleich am nächsten Tag machte mich Franco, der überaus aktive Club-Präsident, auf die alljährlich stattfindende Regatta von Lateiner-Seglern aufmerksam. LA VELA LATINA: Das ist das alte Lateinersegel, das bereits die Römer kannten und nutzten und das über 2.000 Jahre hinweg das Arbeitssegel des Mittelmeeres war. Ob römisches Frachtschiff oder mittelalterliche Galeere oder adriatisches Fischerboot des 19. Jahrhunderts: Alle, alle waren sie mit Lateinersegel unterwegs. Solange, bis sich nach den beiden Weltkriegen Motorantriebe durchsetzten. Zuerst das Lateinersegel verdrängten. Und dann die alten Holzboote, die die Lateinersegel trugen.



Lateinersegel: Man erkennt sie an der langen Stenge am Hauptmast. An ihr wird das Großsegel gesetzt. Und erlaubte bereits in der Antike - anders als bei viereckigen Rahsegeln - ein Aufkreuzen gegen den Wind.



In Sciacca haben sich acht Boote zur Regatta gemeldet. Die Teilnehmer kennen sich lange, und ihre Boote haben alle eine lange Geschichte. Da ist zum Beispiel Santino Marsala. Er ist 76 Jahre alt und
ist mit seinem 11jährigen Enkel Daniele von der anderen Ecke Siziliens angereist, um die Regatta mitzusegeln. Sein Boot LA ZAIRA hat er in seiner Heimatstadt Siracusa entdeckt. Eigentlich war sie ein Fischerboot gewesen. Aber weil niemand mehr die kleinen schweren Holzboote brauchte, hatte es die letzten Jahre als Fährboot gedient, in dem ein Fischer Passagiere vom Festland zur Insel Ortigia, der Altstadt von Siracusa, hinüber ruderte. Das Boot wurde gebaut, als Santino 10 Jahre alt war. Schon als kleiner Junge hatte er eine besondere Liebe zu kleinen Holzbooten. Und als er vor 35 Jahren dieses Boot entdeckte: Da war es um ihn geschehen. Er holte das verrottende Teil aus dem Wasser. Und restaurierte es über Jahre liebevoll. Bis LA ZAIRA wieder im alten Glanz erstrahlte.



Enzo Assenzo, oben auf seinem Boot beim Aufriggen zu sehen, hat eine andere Geschichte. Er ist 59, in Sciacca geboren und Buchautor wie ich auch. Mit ihm und seinem Boot IL PISCI RE begann die Geschichte der Regatta von Sciacca. "Als ich klein war, hat mich mein Vater immer ans Meer mitgenommen, Tiere beobachten", erzählt Enzo. "Eines Tages sah ich einen kleinen, bunten Fisch, der eigentlich bei uns 'Donzella' heißt. Aber mein Vater: der sagte mir in tiefem Ernst: Das sei der PISCI RE. Der König der Fischlein. Ich hab' das tatsächlich geglaubt." In Sardinien habe er alte
Die kleine Gallionsfigur im Bug von Enzo Assenzo's PISCI RE: Der König der Fischlein.
Boote gesehen und sich für sie begeistert. Und als er eines Tages am Strand von Sciacca, halb überspült und versunken im Sand, ein Holzboot fand, hat er es zusammen mit seinem Freund Franco freigelegt. "Als ich es sah, dachte ich: DU wirst jetzt PISCI RE." Nach der Restaurierung hat Enzo begonnen, die Geschichte der VELA LATINA zu erforschen. Und ein Buch darüber geschrieben, das anderen VELA LATINA-Seglern in die Hände fiel, die sich bei ihm meldeten. "Sogar der italienische Staatspräsident hat sich bei uns gemeldet. Und unsere Initiative ausgezeichnet."

 Die vom 72 jährigen Bootsbauer Franco Bonanno gebaute VICCHINGA III...

Aus der kleinen Initiative von Enzo entstand die TROFEO PISCI RE, die Regatta der Lateinersegler, die in diesem Jahr zum dritten Mal stattfindet. Mehr als um Schnelligkeit und sportliche Leistung geht es bei der TROFEO PISCI RE ums dabeisein, ums mitmachen. "Ich bin früher viel geritten", erzählt Filippo Guaragli, Rechtsanwalt aus Palermo. "Ich habe an Turnieren teilgenommen - aber dann hat mich das alles nicht mehr interessiert". Als ich ihn frage, was ihn denn zu seinem alten Holzboot gebracht hätte, erzählt er: "Ein altes Holzboot löst in mir das gleiche aus wie ein Pferd. Wenn ich drauf sitze, vergesse ich die Zeit. Zeit wird unbedeutend. Und: Ein Boot braucht genauso viel Aufmerksamkeit wie ein Pferd. Ständig musst Du beobachten. Aufpassen." Irgendwann hat er beschlossen, sein eigenes Boot zu bauen. Als es fertig war, zeigte er es Franco Bonanno. Der ist ebenfalls VELA LATINA-Segler. Und zugleich auch Mastri D'Ascia, ein Meister der alten sizilianischen Bootsbaukunst. "Franco hat nur einen Blick drauf geworfen", erzählt der Anwalt, "'Wirf sie ganz schnell weg', hat er gesagt, 'sie ist nichts anderes als ein Obstkistchen'. Und dann haben Franco und ich ein neues Boot gebaut. Jeden Samstag kam er zu mir, ein Jahr lang. Und jetzt bin ich stolz. Und segle auf meinem selbstgebauten Boot auf der Regatta mit."

... und die selbstgebaute NICA unter den kritischen Blicken ihres Eigners Filippo.



Und die Regatta? Die nimmt ihren gewohnten Gang. Mit weitem Abstand liegt Franco Bonanno vorne, den alle nur 'Vicchingo', den Wikinger nennen. Er ist 72 und Bootsbauer in Marsala und hat das Handwerk noch von seinem Vater gelernt, wer weiß in wievielter Generation Vicchingo Bootsbauer ist. Sein Schiff, die VICCHINGA III, hat er selbst gebaut. "Hat nur einen Monat gedauert", erzählt Vicchingo stolz. "Mein erstes Schiff hab ich gebaut, als ich neun Jahre alt war. In meinem Leben waren es sicher über 100 Boote. Das kleinste hatte fünf Meter. Das größte 30 Meter, für einen Fischer." Kaum jemand versteht Vicchingo, wenn er spricht. Aber alle reden mit Hochachtung von ihm, denn er baut die schnellsten Boote an der ganzen Küste. Über seinen neuesten Wurf berichteten die Zeitungen, und für die italienischen VELA LATINA-Meisterschaften, die in den kommenden Monaten ausgetragen werden, rechnen viele mit seinem Titelgewinn.

Enzo auf PISCI RE: Die beiden segeln nach ihren ganz eigenen Regatta-Regeln...

Und die TROFEO PISCI RE? Am Ende wird es sein wie im vergangenen Jahr. Vicchingo wird gewinnen. Und Enzo wird auf seiner PISCI RE letzter werden. "Aber was macht das schon?" sagen die Anderen lachend beim gemeinsamen Abendessen. "Enzo segelt mit seiner PISCI RE eh nur, um in Ruhe zu rauchen. Und ein Glas Wein zu trinken. Und gewonnen haben wir schließlich alle, weil Enzo das mit PISCI RE gemacht hat."

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Und weil mich die Menschen des CIRCOLO NAUTICO IL CORALLO in Sciacca sehr beeindruckt haben mit ihrer Gastfreundschaft und dem, was sie in im CIRCOLO NAUTICO alles unternehmen: 
Habe ich Susanne von millemari. gebeten, doch aus den 
2.000 Fotos der Regatta die schönsten auszuwählen. 
Und für die VELA LATINA-Segler einen Kalender über die TROFEO PISCI RE zu bauen, 
als Geschenk und in Erinnerung an ihre Gastfreundschaft.



Der Kalender LA VELA LATINA ist nun für alle lieferbar. 
Er ist mit Immerwährendem Kalendarium ausgestattet,
im Format A3 quer auf Bilderdruck-Papier gedruckt.
Und kostet € 19,95.



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Kommentare:

  1. Wie immer ein sehr schöner Bericht..

    Ich habe mal eine Frage zu Segelmanövern mit dieser Lateinerseglern...wie wird denn da gewendet/gehalst? Wird bei der Wende die Spiere auf die Lee-Seite des Mastes gebracht? Und wenn ja, wie? Diese Spieren sind ja ganz schön große "Stangen"...

    Vielen Dank!
    Oliver

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    1. Lieber Oliver,

      Danke für Deinen Kommentar. Im strengen Sinn ist es so, dass die Spiere nach jeder Wende und jeder Halse tatsächlich um den Großmast herum auf die Leeseite geshiftet wird. Das ist - wie Du richtig schreibst nicht ganz einfach. Manche der Boote benutzen dazu am Mastfuß einen Flaschenzug, der hilft, die schwere Spiere zum Shiften möglichst nahe an den Mast zu bringen, so dass nur noch die letzten 10, 15 Zentimeter "von Hand" erledigt werden.
      Um ehrlich zu sein: Bei der Regatta machte das kaum jemand. Die Segler beließen die Spiere auf der Mastseite, auf der sie eben gerade war. Und nahmen dafür in Kauf, dass das dreieckige Großsegel eben nicht gut stand, weil sich der leewärtige Großmast im Segel "durchdrückte", das Segel quasi "zerteilte". Es störte allerdings die Segler wenig.

      Herzliche Grüße
      Thomas

      PS: In der kommenden Ausgabe der YACHT am 31. August erscheint ein Artikel von mir über eine ähnliche Regatta alter Holzboote in Norwegen mit einem Holzboot-Typ der Dreissiger Jahre - die KRAGERØ-TERNE. Bei diesem Boot wird das rechteckige Großsegel durch eine diagonal ins Segel eingespannte Stenge, die Spristake, ausgesteift. Mit genau dem gleichen von Dir erkannten Problem im Großsegel ;-)

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