Dienstag, 10. Juli 2018

Portimão. Ein Fluss. Ein Storch. Eine Entschuldigung. Und: Sardinen in der Dose.

Seit Mitte Mai bin ich nun für mein neues Buchprojekt 
auf Levje unterwegs von Sizilien in die Bretagne - einmal um die Küste Westeuropas herum.
Zum ersten Mal Portugals Festland betrete ich in Portimão, 
einem typischen Hafen an der Algarve.



Im Dunkeln war ich in Portugal in den Lagunen von Faro angekommen und hatte von der Küste noch wenig gesehen. Erst als ich früh am Morgen aus den Lagunen aufbrach und weiter nach Westen segelte, bekam ich einiges mit. Lange Sandstrände. Schmucke Feriendörfer, die sich wie fehlende Puzzlestücke in die Felslandschaft zwischen Faro und dem 40 Seemeilen weiter westlich gelegenen Portimão einpassten.


Sandstrände brauchen zu ihrer Entstehung meist  - Flüsse. So hatte ich es in der Adria erstmals bemerkt, wo die großen Sandstrände der nördlichen und westlichen Adria ihre Entstehung den Flüssen verdanken. Dem Isonzo, dem Tagliamento, der Piave und vor allem dem Po. Die Flüsse waschen Gesteinsmehl aus den Bergen zur Mündung. Die Gegenuhrzeiger-Strömung an den Ufern der Adria verteilt den Sand an deren Nord- und Westküsten. Tatsächlich liegen die Häfen Portugals überwiegend an Flüssen. Faro und sein Lagunendelta. Lagos am Bensafrim. Lissabon am Tejo. Und Portimao, mein Tagesziel am Arade. Die schmale Einfahrt in den Fluss zwischen den Felsen führt in die Marina. Und dann drei Kilometer flussaufwärts in die Stadt und den Hafen.

Neugierig auf Portugal brach ich, kaum dass die Leinen in Portimão fest waren, in die Stadt auf. Portimão ist anders als es die etwas schniecke, an ein Edelresort erinnernde Marina erwarten ließ. Nach einer halben Stunde kam ich in einstiges Industriestädtchen, das wohltuend einfach geblieben war und sein ehrliches Gesicht nicht verbarg. In der Innenstadt stehen viele der Fliesenbedeckten Häuserfronten leer. "Alugar-se"- und "Vende-se"-Schilder ("Zu vermieten", "zu verkaufen") allenthalben. Um einen Ort kennenzulernen, muss ich ihn zu Fuss durchwandern. Ich brauchte eine Stunde, über den Fluss in die große Bootswerft auf der anderen Flusseite zu kommen. Genoss es, im Schatten eines Baumes auf dem Werftgelände ein Bier zu trinken und dem weichen Portugiesisch der Fischer und Werftarbeiter zuzuhören. Ich wanderte über den Fluss zurück in die Stadt, wo sich halb unter die Flussbrücke gekauert Portimãos Restaurantviertel verbarg. Auf dem Kamin eines Restaurants hatte ein Storch wenige Meter neben der vielbefahrenden Flussbrücke sein Meisterwerk von Storchenest errichtet und putzte hoch über dem Restaurantviertel und neben der Autobahnbrücke sein Gefieder. 




Ich wanderte vorbei am kleinen Bahnhof, aus dem ein älterer Farbiger trat, kleingewachsen, mit kurzem grauen Haar unter der braunen Kappe, und meinen Weg einschlug. Er trug eine braune Hose und ein Sakko, das von Größe und Farbe so gar nicht passen mochte zum restlichen Erscheinungsbild des Mannes - es war vielleicht ein Geschenk. Als ich schnelleren Schrittes an ihm vorbeiging und wir fast zusammenstießen, was sicher nicht die Schuld des Mannes war, entschuldigte er sich so höflich und würdevoll, als hätte er lange und anders, als seine Kleidung es vermuten ließ, in einem guten Haus gearbeitet. Seine Entschuldigung war formvollendeter als die meine, ich war berührt, und überlegte wie so oft, ihn anzusprechen. Doch die Frage, die Parzifal nicht wagte zu stellen, dies "Herre, wie wirret iuch?", das einfach teilnahmsvolle Fragen, auch ich wagte es nicht. Und trage es wie Parzifal als Schuld auf meinen Aventiuren durch die Welt.

Den Alten von Portimão, der die Kunst der Entschuldigung beherrschte, werde ich nicht vergessen. Ich war noch von der Begegnung bewegt, als ich mein eigentliches Ziel, die Shopping Mall von Portimão erreichte. Zu den Dingen, die das vereinte Europa teilt, gehören die Shopping Malls. Moderne Einkaufszentren an Stadträndern schwappten aus USA zu uns herüber. Ich traf sie vom östlichen Kreta über Athen, das nicht gerade prosperierende Brindisi bis Sizilien. Immer wenn ich in ein neues Land komme und andere Telefondienstleister meinen bisherigen Internet-Zugang enwerten, suche ich sie auf. Sie sind der sicherste Ort, um an eine neue Datenkarte ranzukommen. Auch dafür werde ich Portimão preisen: Nach 3 Minuten verließ ich den Telefonladen mit einem funktionierenden Internet-Zugang.


Noch schnell in den Supermarkt. Und da stehe ich plötzlich vor einem mehr als fünf Meter langen Regal mit - Sardinendosen. Fasziniert bleibe ich stehen. Und betrachte die vielen Ettiketten. Fast alle enthalten sie - Sardinen.


Was denken wir zum Beispiel über die gelbe Schachtel. Sardinen in Zitronensaft. Das Etikett bewegt sich irgendwo zwischen ökologisch und gesundheitlich wertvoll. Aber ist mir heute nach Zitrone? Eher nicht. Ich glaube, ich bin heute eher klassisch drauf.


Ob das nicht was für heute Abend wäre? Minerva? Seit 1942? Das würde auf einer deutschen Verpackung niemals stehen. Welcher Hersteller wäre in Deutschland denn schon stolz darauf hinzuweisen, womit er 1942, im Jahr des Untergangs der Stalingrad-Armee, sein Geld verdiente? VW. Seit 1942?
In Portugal ist man da fein raus. Am weltweiten Morden beteiligten sich in Europa nur Portugal, Spanien und die Schweiz nicht. Für Portugiesen ist 1942 eine unbescholtene Zahl. Also Minerva: Sardinen geräuchert? In Öl? Mit einem Hauch Limettensaft? 


Oder wie wäre es mit dem Herrn mit dem Backenbart: Thunfisch von den Azoren mit getrockneter Tomate und "Manjerição"? Ich muss erst nachschlagen, um herauszufinden, dass Manjerição das portugiesische Wort für Basilikum ist. Auch keine schlechte Wahl.


Und was bringt uns die Santa Catarina? Katholisch wie ich bin, löst die Farbe natürlich pfingstliche Gefühle in mir aus, wenn der Priester zu m Fest der Erleuchtung nur noch ein Messgewand in dieser Farbe trug. Nochmaliges Nachschlagen im Internet erleuchtet mich, dass es sich beim Inhalt dieser Dose um Thunfischfilets von den Azoren handelt. Wunderbarerweise mit "Alecrim". Nein, nicht mit Babynahrung, sondern mit Rosmarin.


Und Sardinen in scharfer Tomate? Nein, nicht heute.

Doch eines ist klar. Sardinenkonserven haben in Portugal eine ganz andere Tradition als bei uns. Aber wann und wie fand der Fisch eigentlich den Weg in die Dose?

Der Zeiger von Levjes Borduhr zeigt jetzt Mitternacht. Die Geschichte, wie die Sardine ihren Weg in die Dose fand, muss fürs heute ungeschrieben bleiben. Doch ich werde sie schreiben. Ganz bestimmt.


Kommentare:

  1. Toller Blog! Ich mag die Poesie deines Stils. Man ist als Leser nicht nur Vorort, man spürt die Atmosphäre!

    AntwortenLöschen
  2. Toller Blog. Leider kann ich Deinen Namen nicht herausfinden. Nächsten,Sommer werden wir auch diese Route segeln, auch auf einer Dehler, 41 ds. Wir sind ein paar und haben uns Europas Küsten vorgenommen.Im Herbst möchten wir in südspanien sein. Vielleicht treffen wir uns einmal. LG Gitti Schleich

    AntwortenLöschen