Sonntag, 15. Juli 2018

Der Leuchtturm am Ende Europas. Cabo de São Vicente.





Es ist ein windstiller und dunstiger Morgen, an dem ich von meinem Ankerplatz vor den Klippen von Sagres aufbreche und das ein paar Seemeilen entfernte Cabo de São Vicente ansteuere. Wie die Spitzen eines Hufeisens ragen die beiden Kaps weit nach Südwesten hinaus und markieren zusammen Europas einsames südwestliches Ende.

Von See aus ist der Leuchtturm von Cabo São Vicente an diesem Morgen unverkennbar. Der markante, fast 20 Meter hohe Felsen vor dem eigentlichen Leuchtturm, den die Fischer "Gigante", der Riese, getauft haben und der den Leuchtturm wie ein Wächter bewacht. Das Plateau selbst, zu dem die buckligen Klippen fast 70 Meter weit aufragen. Das gedrängte Gewirr kalkgeweißter Häuser, über dem sich der eigentliche Leuchtturm rot erhebt. Als ich genauer hinsehe, bemerke ich, dass der rote Leuchtturm ebenso wie seine Fenster, die die Linsen schützen, im Vergleich zu den umliegenden Gebäuden irgendwie überdimensioniert wirkt. Die vergitterten Fenster, durch der Leuchtturm nachts sein Licht schickt, ragen weit über die Turmbasis hinaus. Tatsächlich besitzt der Leuchtturm, der hier steht, eines der weittragendsten Feuer in Europa: 32 Seemeilen weit trägt es, fast 60 Kilometer und reicht damit weit über des 11 Seemeilen entfernte Verkehrstrennungsgebiet vor dem Kap hinaus. Denn hier, vor dem Cabo de São Vicente trifft sich alles: Der von Nordeuropa laufende Schiffsverkehr nach Südeuropa und Afrika. Und der aus dem Mittelmeer ins 6.000 Kilometer entfernte Nordamerika.

Es ist ein einsamer Ort, nicht nur von See aus. Wer von Sagres den Weg auf der gut ausgebauten Straße den Klippen entlang mit dem Wagen unternimmt, ist entlang der Klippen auf dem baum- und strauchlosen Plateau keine Viertelstunde unterwegs. Europa endet am Cabo de São Vicente winzig, kaum ein halbes Fussballfeld misst die Fläche auf dem schmalem Sporn, auf dem merkwürdig viele Gebäude samt Leuchtturm stehen.


Doch so verlassen und einsam der Ort auch immer scheinen mag: Wirklich verlassen war er wohl nie, dafür ist der Punkt zu markant. In der Steinzeit setzten die Menschen hier Steine. Die Phönizier kannten ihn, und für die Griechen endete die Welt, so schreibt es jedenfalls mein guter Herodot, der mich immer begleitet, mit dem am westlichsten lebenden Volk der Kyneter und ihren nördlichen Nachbarn, den Kelten. Dabei hatten die Kyneter  - dank der Phönizier - bereits eine eigene Schrift, während andere noch im Dunkeln tappten, was Herodot nicht wissen konnte, portugiesische  Archäologen aber seit ein paar Jahren wissen.

Nicht nur einmal war das Cabo Sao Vicente ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde. Seinen Namen erhielt es vom Märtyrer Vincentius, wie Georg oder Nikolaus oder Katharina Opfer der 10 Jahre währenden großen Christenverfolgung unter Diokletian. Die Sage will es, dass der Leichnam des Märtyrers in eine Tierhaut eingenäht genau an dieser Stelle angespült würde, weshalb die hier lebenden Christen ihm oben auf dem Felsen einen Schrein errichteten. Noch ein arabischer Reiseschriftsteller aus der Zeit der Mauren-Herrschaft berichtete etwas gruselnd, der Schrein des Heiligen werde stets von Raben bewacht, die das kleine Heiligtum umschwirrten.


Aus dem Schrein wurde ein Kloster, doch dem Heiligen ließ man keine Ruh. Im 13. Jahrhundert, kurz nach der Reconquista, der Rückeroberung der Algarve und des Alentejo von den Mauren, holte man, was von den Knochen noch übrig war, aus deren Grab. Und transferierte die sterblichen Überreste vom Cabo Sao Vicente nach Lissabon, woran noch heute die beiden schwarzen Raben auf dem Segelschiff in Lissabons Stadtwappen erinnern - einer Stadt, in der es nebenbei bemerkt weder Raben gab. Noch gibt.

Mit dem Umzug des Heiligen in die Großstadt war dessen Karriere keineswegs zu Ende. Er wurde Patron der Seeleute. Und Winzer. Und Holzfäller. Des Federviehs. Der Dachdecker. Und Patron Portugals. Und wem etwas gestohlen wurde, der richtete sein Gebet an den Heiligen, damit der ihm zu seinen Sachen wieder verhülfe. Mindestens zwei Inseln sind nach ihm benannt. Und wie beliebt der Heilige schon bald nach seinem gewaltsamen Tod unter den Händen römischer Folterer war, davon zeugen die 12 weiteren Heiligen, die nach ihm alle ebenfalls Vinzenz heißen.


Vom Kloster aber sind oben, an dem einsamen Ort, heute nur noch die Gebäude zu sehen. Die Mönche verließen den Ort in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als alle Klosterorden in Portugal aufgelöst wurden. Doch nicht alles, was endet, ist darum auch schon zu Ende. Keine 10 Jahre nach dem Exodus der Franziskanermönche errichtete man 1846 ein erstes Leuchtfeuer. Wir befinden uns im Zeitalter der aufkommenden Dampfschiffahrt. Und ab da erlosch das Licht oben auf dem Cabo de São Vivente nicht mehr. Und ebensowenig der männliche Vorname Vinzenz, der unter den 33.740 männlichen Vornamen aus aller Welt aktuell immerhin in Deutschland Platz 629 belegt.

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