Sonntag, 15. Mai 2016

Die Farbe BLAU.






Vergangene Woche sandte mir Angelika Gebhard für die Neuausgabe ihres Segelklassikers MIT ROLLO UM DIE WELT ein Vorwort, um das wir gebeten hatten. In diesem Vorwort, das mich sehr bewegte, weil sie darin ausführlich beschreibt, was von einer großen Segelreise bleibt, erwähnt sie unter anderem über ihre Begegnung mit der Kultur der alten Polynesier:

"Allein die Farbe Blau kennt in der alten polynesischen Sprache über 300 Schattierungen und Begriffe."

300 Worte. Nur für BLAU! Das saß! Seitdem grundle, google ich, wie das denn mit BLAU im Deutschen ist. Und? Was denken Sie: Wie viele Worte gibt es im Deutschen für Blau?





















Beflügelt wurde die Recherche auf der Suche nach dem Blau noch durch einen kleinen Schlag auf LEVJE etwa 20 Seemeilen die sizilische Südküste hinunter, wobei die Fotos entstanden. Es war der erste Tag nach längerem Nordwest-Starkwind. Das Meer in der flachen Küstenzone immer noch aufgewühlt, doch die Schlammfarbe des sturmbewegten Meeres längst dem großen Türkis gewichen. Ich gebe gerne zu: Dies ist meine Lieblingsfarbe Blau. Diese Mischung aus Blau. Und Grün. Und hellem Grau. Und eigentlich dachte ich bislang: Wenn ich diese Farbe sähe, die gäbe es nur an einem Ort, dann wüsste ich, wo ich befände: Nämlich in der nördlichen Adria. Aber das stimmt definitiv nicht.

Ob es stimmt, was man über Fischer und manche Naturvölker auf dem Meer sagt? Dass sie an der Farbe des Meeres erkennen könnten, wo genau sie sich gerade befänden?

Die Farbe des Meeres. Sie wird bestimmt, "gemixt" aus verschiedenen Faktoren: Dem Einfallswinkel des Sonnenlichtes, der sich zwar täglich, aber vor allem im Lauf der Jahreszeiten ändert. Wir erinnern uns an die Gesetze der Lichtbrechung? Nein? Egal! Jedenfalls bricht die Wasseroberfläche das Licht. Wasser, das eigentlich durchsichtig ist, "filtert" ab zunehmender Tiefe die verschiedenen Farben des Lichts. Und zurück bleibt: BLAU. Je flacher Licht einfällt, desto mehr davon wird reflektiert. Je weniger Licht ins Wasser eindringt, desto mehr Braun, Schwarz scheint das Wasser.

Nachts? Sind alle Wasser schwarz. Das ist auf dem Meer genauso wie im Gänseteich in der Weilachmühle, auf der Alpaka-Farm meines Freundes Christian in Oberbayern. Faustregel: Je "höher Sonne", umso "Meer Blau"!



Und dann fangen die Schwierigkeiten auch schon an. Denn für alles Weitere ist nicht mehr jahreszeitlicher Stand der Sonne, ihre Höhe, sondern anderes verantwortlich. Im Wasser schwebende Sedimente, beispielsweise. Ich erinnere mehr: Während etwa zwei, drei Wochen im Jahr ist die Farbe in meiner Heimat auf den oberbayerischen Seen so wie die oben. Nur etwa zwei, drei Wochen - und genau um die Zeit der Sommersonnenwende herum, die uns ja schon in knapp fünf Wochen ereilt und wo der Sommer, kaum dass er begonnen, auch gleich wieder vorbei ist. Und noch schneller ist das dann auch mit dem Türkis vorbei.

Sedimente also. Das Zweite. Die kleinen feinen Teilchen, die im Wasser schweben, wenn es aufgewühlt war. Oder wenn ein Fluss wie die großen Nordadria-Ströme Tagliamento, Piave, Isonzo und auch der Po helles Gesteinsmehl aus den Bergen ins Mehr spülen. Sie "schweben" im Wasser. Und geben ihm dann je nachdem eine ganz eigene Note. Und das Ganze findet statt, ob ich da bin. Oder auch nicht.



Denn dies ist dann der dritte Faktor: Wahrnehmung. Was sehe ich eigentlich für ein Blau, und was ist das Blau, das im gleichen Moment meine Frau wahrnimmt? Oder ihre griechische Landschildkröte? Genau das gleiche Türkis, das mich so entzückt?

Ein weiteres kommt hinzu, und es hat mit Licht und Sedimenten gleichermaßen zu tun. Deren Gehalt im Wasser verändert sich. Machen Sie doch einen Test: Ich habe die Fotos dieses Posts strikt in der Reihenfolge ihrer Aufnahme eingebaut. Das erste entstand beim Ablegen. Das letzte am frühen Nachmittag. Es wird "blauer" - je höher die Sonne steht, je weniger Sedimente im Wasser sind. Es wird immer blauer. Und deshalb ist es an der kroatischen Adriaküste eigentlich immer Tiefblau, wie in Griechenland auch, weil dort wenige Flüsse ins Meer münden und deren Sedimente dorthin tragen. Und deshalb ist die Ostsee auch... aber da kommen Sie jetzt selber drauf!



Ja - und wie ist das denn nun mit Polynesisch der Ureinwohner und der Farbe BLAU im Deutschen? Da gibt es dann - soweit es das Deutsche betrifft - überraschende Aspekte. Zum einen, dass das Deutsche sooooo schlecht nicht ist, was BLAU angeht. Immerhin 50 verschiedene Synonyme listen einschlägige Synonymseiten im Web auf. Scheinbar gut.

Aber sieht man sich die Synonymlisten genauer an, stellt man fest, dass es für die FARBE BLAU nur wenige Worte gibt: Türkis. Ultramarin. Azur. Veilchenblau. Hellblau. Himmelblau. Stahlblau. Indigo. Jeansblau. Zschitscherin-Vogelschwanz-Blau? (Mein Vorschlag für eine neue Autositz-Auswahlfarbe??). Graublau. Und so weiter.

Die meisten Synonyme beziehen sich auf etwas anderes: Blau wie ein Veilchen, nämlich. Alkoholisiert. Beduselt. Berauscht. Beschickert. Beschwipst. Besoffen. Betütert. Bezecht. Sternhagelvoll. Stockbetrunken. Sturzbesoffen. Voll. Voll wie eine Strand-Haubitze (... immerhin mal was mit "Meer"). Angeheitert. Fertig. Zu.



Und so sieht das stocknüchterne Ergebnis meiner Recherche nach der Bedeutung von BLAU im Deutschen aus:

1. So ganz schlecht sind wir Deutsche nicht. Ein paar BLAU-Begriffe haben wir schon auch!

2. Naturvolk sind die Deutschen nach dieser Sprachanalyse lange keines mehr - schaut man sich die Begriffe an. Vielleicht noch in einem Winkel ihres Herzens, der immer wieder BLAU sucht.

3. BLAU in dieser Sprache hat oft mit Produkten zu tun. Etwas, das man kaufen kann, ist oft mit BLAU ausgeschmückt.

4. Was die SYNONYME angeht: Zu allermeist haben diese mit dem Ergebnis übermäßigen Alkoholkonsums zu tun.

Nun ja. Derlei ernüchternde Ergebnisse können an zwei Dingen wenig ändern:

Das Blau des Meeres ist, was es ist. Mir geht immer noch das Herz auf bei diesem Anblick.

Und die alte Kultur der Polynesier? Was ist aus dem Blau in der polynesischen Sprache geworden? Ich fürchte, die Bedeutungen von BLAU haben dort vermutlich unter dem Einfluss dessen, was wir "Zivilisation" nennen, eine ähnliche Richtung eingeschlagen - siehe Punkt 1 bis 4.

Ich nehme mir vor, Angelika Gebhard zu fragen.
Oder zumindest das Vorwort noch mal zu lesen.















Kommentare:

  1. Liebe Beamte,

    Danke für Deinen Kommentar, den Du mir auf MARE PIU hinterlassen hast. Ich freue mich darüber - und werde mich anstrengen, demnächst weitere BLAU-Fotos zu posten, die Dir hoffentlich gefallen. Liebe Grüße
    Thomas

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