Donnerstag, 24. September 2015

Die vergessenen Inseln: Neues aus Trizonia!


Der Tag, er war anstrengend im Golf von Korinth. Morgens eine halbe Stunde nach dem Ablegen fünf Windstärken von vorn, ein böig-fauchiger Wind aus West-Nordwest, der den Golf entlang aus Patras im Westen genau auf uns zu pfeifft. Nach sechs, sieben Stunden gegenan aufkreuzen gerade mal 17 Seemeilen Weg zurückgelegt. Aber das immerhin mit Lust und auf der Backe liegend. Am späten Nachmittag stehe ich dann vor einer der wenigen Inseln im Golf von Korinth: Trizonia. Haben Sie nie gehört? Da geht es Ihnen wie mir. Aber als ich kurz überlege: Wo heute übernachten? Inselhafen? Festlandshafen? Fällt die Entscheidung schnell: Natürlich auf der Insel!

Soweit so gut. Aber kurz mal nachgehakt: Warum treffe ich diese Entscheidung so? Ist das Leben auf einer Insel denn wirklich so anders? Alles Einbildung? Oder gibt es tatsächlich objektive Gründe, warum auf-einer-Insel-sein soviel entspannender ist als auf dem Festland?


Nehmen wir nach einem langen Sommer voller vergessener Inseln Trizonia, das unbekannte Eiland, das Griechen [Tri:sonja:], mit kurzem "o" und weichem "s" sprechen. Wer über das Besondere dieser Insel recherchiert, findet - wenig. Nein, statt googeln führt ein Spaziergang von der Marina in den 54 Meter entfernt liegenden Hauptort mit Namen Trizonia zu Erkenntnissen. Man stößt einfach alle naselang auf das Thema "Entschleunigung" in hunderterlei Formen. 
Zum Beispiel: Meine Ankunft in der Marina der Insel: entspannt. Die "Marina": ein Betondenkmal, geschaffen mit EU-Geldern, um Griechenland in die "Wettbewerbsfähigkeit" zu katapultieren. Aber weil sich im schönen Trizonia niemand findet, der mit Betonmolen Wettbewerb aufzuziehen Lust hätte: Drum rotten sie vor sich hin, zur Freude von etwa 20, 30 Fahrtenseglern wie mir. Und so liegen denn an die 30 Fahrtenyachten in Sonnenschein und klarem Wasser. Motorbootfahrer, Katsegler, Monos. Engländer, Finnen, Dänen, Schweizer, Franzosen, Griechen. Nettes Völkchen. Niemand, der irgendwelche Bootspapiere sehen will, kein Marina-Office, kein Hafenmeister, keiner, der den Stromzähler abliest. Weil es Strom halt einfach nicht gibt.  Einfach nur gemütlich liegen, solange man will. Und gern auch über den Winter. 
Meine erste Begegnung: Die Besatzung der großen 42er, mit der wir uns draußen in den Böen über eineinhalb Stunden ein Rennen lieferten - "Faster, LEVJE! Go faster!" wie im vorigen Post also auch hier. LEVJE wehrte sich tapfer, aber nach der Wende war Schluß, die 42 Fuß hängten LEVJE einfach ab. Jetzt stehen die beiden freundlich auf der Pier, nehmen meine Leinen an. Ein Pärchen aus Landsberg, fast meiner Heimat. Das Umfeld, die Kleinheit des Hafens, sie zwingt zum Miteinander auch unter Fremden. Wer hierher kommt, erkennt im anderen den Gleichgesinnten, auch wenn man sich vorher nie begegnet ist.

Kaum ist der Schwatz mit den Landsbergern vorbei, steht ein junges Pärchen auf der Pier: Endzwanziger beide, aus der Schweiz, die mir erklären: Dass sie noch viel langsamer reisen als ich mit LEVJE. Und während sie erzählen, komme ich mir fast wie ein bekloppter Raser vor: Die beiden sind seit Frühjahr im ihrer alten HALLBERG-RASSY 35 von Korfu bis hierher gesegelt. Gerade mal 150 Meilen. In 6 Monaten. Sind überall lange geblieben. Und finden Trizonia "ganz wunderbar zum Abhängen". Beide arbeiten den Winter über im Skitourismus der Schweiz - und wenn die Skisaison am Schlepplift vorbei ist: verschwinden die beiden ab Frühjahr wieder auf ihr Boot, um bis in den Herbst langsam zu reisen. Und eine Insel ist der Ort, an dem sie sich austoben. 'Nissomanie', die Inselsucht, von der Bloggerin Katharina auf ihrem gleichnamigen Blog schreibt: Sie grassiert nicht nur bei mir. 


Inseln widersetzen sich dem überall greifbaren Hang zur Beschleunigung unseres Alltags. Während in meinem Heimatland die Straßen immer gerader gemacht werden, damit wir noch schneller von A nach B kommen und dadurch noch "effektiver" sein können, sind auf Trizonia Autos verboten. Genau so wie auf Spetses, auf Hydra, oder in Venedig und anderen Inseln. Der Effekt ist enorm, wenn man nach einer Woche "Insel" wieder an einer vielbefahrenen Straße auf dem Festland steht.

Entschleunigung auch am Ufer. Drei Frauen, augenscheinlich drei der insgesamt 64 Bewohner, die die letzte Volkszählung auf Trizonia 2011 zählte. Frauen, die am Ufer sitzen und fischen, in dem sie immer wieder die auf ein knallbunter Plastik-Rädchen aufgewickelte Schnur geduldig ins Meer werfen und einholen. Fischen mit einem 1,50 €-Artikel. Den Frauen scheint das großen Spaß zu machen, sie sitzen auch am folgenden Abend am Ufer. Eigentlich traue ich ihren knallbunten Angel-Dinger ja nicht viel zu - aber zumindest eine der Frauen zeigt einem Fischer ihren Eimer-Inhalt, als die Sonne langsam verschwindet, und der Fischer nickt anerkennend. Die anderen beiden gönnen sich nach dem Fischen ein Eis in der Taverne. Und am nächsten Tag stehen auch meine Schweizer auf ihrem Boot, mit so einem knallbunten Angel-Dings in der Hand. Und werfen die Schnur wieder und wieder ins Wasser.


Zwei Fischer, die in der Dämmerung gemächlich hinaus in die Bucht tuckern, in ihren einfachen offenen Booten. Bis spät in die Nacht hinein sehe ich ihre Lichter draußen auf dem Meer. Sie sind nicht weit draußen, haben ihre Anker fallen lassen und Fischen offensichtlich mit der Leine. Für Menschen, die gerne bei jedem Wetter auf dem Meer sind, kann es nicht viel Schöneres geben, als hinauszufahren, nicht weil der Wecker klingelt, sondern weil der richtige Moment dafür da ist.

Ach ja: Und Neues aus Trizonia? Da muss ich Sie enttäuschen. Das gibt es hier auch nicht. Natürlich den Dorfschwatz, das ja. Aber sonst: Kein Zeitungsständer, der uns mit neuesten Krisen und Katastrophen kitzelt, auf die wir eh ohne Einfluß sind. Outlook, Excel? Hat man schon mal gehört, aber auf Trizonia geht es ohne. Der Wirt schreibt die Rechnung noch schön auf den Block. Tsatsiki und Auberginenpaste waren dafür umwerfend.

Nein, damit wir uns recht verstehen: Ich bin nicht für die Abschaffung von Autos, Outlook, Weckern oder gerader Straßen. Aber dafür: Ein bisschen mehr Trizonia, etwas mehr Insel-Dasein in unseren Alltag zu bringen - dafür bin ich allemal.





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Was passiert, wenn das Leben die gewohnten Bahnen verlässt? 
Was geschieht, wenn man sich einfach aufmacht und fünf Monate Segeln geht? 
Darf man das? Und wie ändert sich das Leben?
Der Film einer ungewöhnlichen Reise, der Mut macht, seinen Traum zu leben.



Der Film entstand nach diesem Buch: 
Geschichten über die Entschleunigung, übers langsam Reisen 
und die Kunst, wieder sehen zu lernen
Einmal München - Antalya, bitte. 




Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben, Thomas!

    Ja, uns hat diese Insel heuer im Sommer während unserer Umrundung des Peloponnes auch auf Anhieb sehr gut gefallen. Vor allem die einfachen und gemütlichen Tavernen haben wir noch sehr gut in Erinnerung!

    Wo willst du mit deinem Boot heuer überwintern? In Preveza?

    LG Markus

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  2. Hallo Markus,
    Danke für Deinen Kommentar - ja: sie ist wunderschön, Trizonia, und der ideale Ort, um dort im Herbst abzuhängen. Obwohl ich es anders geplant hatte, bin ich dort auch "kleben" geblieben. Preveza habe ich gestern passiert. Wir waren dort für ein paar Jahre früher, als ich LEVJE noch nicht hatte, mit einer anderen Yacht, bei Sophia und dem zornigen Yanis in der CLEOPATRA MARINA. Nein, ich möchte - nach - langer, langer Überlegung - im Winter in Sizilien sein, in der MARINA DI RAGUSA, ganz im Südosten der Insel. Langfahrt-Segler im türkischen Finike haben sie mir empfohlen. Obwohl ich Finike jetzt scho sehr vermisse.

    Schöne Grüße
    Thomas

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