Samstag, 4. August 2018

Galiziens wilde Küsten: Santiago de Compostela. Am Ende eines langen Weges.

Seit Mitte Mai bin ich in von Sizilien aus unterwegs, um einhand 
für mein neues Buchprojekt um die Westküste Europas zu segeln. 
Nach den Balearen, Gibraltar und Portugal bin ich im Moment an der nordspanischen Küste 
in A Coruna. Keine Zugstunde entfernt liegt Santiago de Compostela -
für die, die ankommen, Ziel und Ende eines langen Weges.




Eines haben alle gemeinsam, wie weit und aus welchen Motiven sie immer hierher zu Fuß gingen: Wer ankommt, ist erschöpft. Erschöpft und glücklich, es bis hierher geschafft zu haben. Glücklich, das selbstgesteckte Ziel erreicht zu haben.

An diesem Sonntag Nachmittag sind es Hunderte, die vor der Kathedrale des Heiligen Jakob eintreffen und nach wochenlanger Wanderung einander erst in die Arme und wenig später zu Boden sinken. Es herrscht Ausgelassenheit. Freude. Erschöpfung. Erleichterung. Es fühlt sich bunt an, und nach Happening, auf dem Platz vor der Kathedrale.

Wenige Schritte weiter. Santiago, das merkt man schnell, markiert für alle das Ziel eines Wegs, doch nicht die Erlösung. Dafür ist, was die Pilger erwartet, denn auch nach 1.000 Jahren reichlich abgeklärt. Kaum jemand von den Einheimischen am Straßenrand bringt noch die Kraft auf, die unbändige Freude de Pilgers zu teilen, der nach 300 Kilometern sein Ziel erreicht hat. Der gelangweilt telefonierende Händler, der zwischen Rosenkränzen und hölzernen Pilgerstäben vor der Kathedrale sitzt und seine vorbei pilgernden Kunden mit dem bekannten Pilgerabzeichen, der Jakobsmuschel am roten Bändsel versorgt - er sieht ganz so aus, als wünsche er sich gerade weit, weit und lieber an den Ort, den sein T-Shirt lauthals verkündet.


Wenige Schritte neben mir ist Jean-Francois auf das warme Steinpflaster des Kathedralenplatzes gesunken und betrachtet frohgemut die heruntergelaufene Sohle seines rechten Trekkingschuhs. 1.550 Kilometer ist er in knapp zehn Wochen hierher gelaufen. Allein am heutigen Tag waren es 38 Kilometer. Auch er ist erschöpft. Aber nicht wirklich. Wenn Neuankömmlinge ihn bitten, doch ein obligates Ankunfts-Selfie mit Kathedrale zu schießen, ist er schneller auf den Beinen als ich.

Jean-Francois ist aus Quebeq. Und den Weg geht er nun schon zum 4. Mal. Was ihm so eine Reise bringt, frage ich Jean-Francois. "Das eine ist: Verantwortung zu übernehmen. Für mich selbst. Und für jede meiner Entscheidungen. Für jeden Tag. In jeder Minute, die ich auf dem Weg unterwegs bin. Ich bin nicht mehr ferngesteuert hier von irgendeinem 'Sei um 8 hier. Erledige das'. Ich bin verantwortlich, was geschieht.
Das andere ist: Selbstvertrauen. Vor allem das. Ich weiß mittlerweile, ich schaffe das. Und wenn ich es will, dann schaff ich es wieder."

Über seine Antwort bin ich erstaunt. Sie unterscheidet sich in nichts von dem, was ich antworten würde, wenn mich jemand fragte, was mir denn sechs Monate Segeln um Europa brächte. Ist meine Reise eine Pilgerschaft? Bin ich ein Pilger wie Jean-Francois? Oder sind wir beide einfach nur Reisende?

"Ich brauche nicht viel zum Leben. Na klar: Hin und wieder ein Flugzeug. Irland. Kroatien. Wenn ich als Kanadier Schengen-Land für kurze Zeit verlassen muss. Aber sonst: Ich brauche nicht viel."

Alles an ihm sieht professionell aus. Und wenig derangiert, wie man nach 1.550 Kilometern erwarten könnte. Sauberes Hemd. Gepflegte Hände. Ein Mann, der Hochschul-Lehrer sein könnte, wache kleine Augen hinter der Hornbrille. Wer ihm auf seiner Reise so begegnet sei, frage ich ihn. Jean-Francois denkt einen Moment nach.

"Meistens gehe ich allein. Aber im Grunde trifft man vier unterschiedlichen Gruppen von Menschen. Da sind zum einen die christlichen Pilger. Die gibt es nach wie vor. Oft wandern sie in kleineren oder größeren Gruppen. Und dann sind da Leute, die den Weg aus spirituellen Gründen gehen. Egal, ob sie eine Auszeit suchen oder einfach nach Selbsterfahrung.



Die dritte Gruppe sind Leute, die die Strecke aus rein sportlichen Gründen gehen. 'Kilometer Laufleistung' zählt - und von den christlichen Pilgern sondern sie sich strikt ab, die sind für sie fast wie Esoteriker, mit denen sie nichts zu tun haben wollen.

Und dann gibt es da noch eine vierte Gruppe. Leute, die das rein aus touristischen Gründen machen. Eine Wallfahrt ist eigentlich die günstigste Art von Reise, die man unternehmen kann. Übernachten für 6 Euro. Mittag- und Abendessen für 3 Euro. Man trifft gerade diese letzte Gruppe immer häufiger an. Aber vielleicht war die Wallfahrt ja immer so. Der Weg war immer derselbe. Die Gründe, ihn zu gehen, waren doch immer ganz unterschiedliche. Da ist sich der Jakobsweg in den 1.200 Jahren seiner Geschichte treu geblieben."



Und er, der den Weg nun schon zum vierten Mal gegangen ist?

"Ich mag die Landschaft. Ich mag die Stimmung. Ich kann allein gehen, wenn ich es mag. Oder mit Menschen reden. Der Ort Santiago selbst hat für mich mittlerweile keine Bedeutung mehr. Er ist eine Station auf meinem Weg. Für die meisten Pilger ist Santiago schon wichtig: Sie haben alle nur eben dieses eine Ziel: Und das ist Santiago de Compostela. Als ich in Japan den Shikoku-Pilgerweg wanderte, mit seinen 88 Schreinen, habe ich festgestellt. Da ist es anders. Jeder einzelne Schrein ist das Ziel. Es gibt kein übergeordnetes Ziel. Jeder der Orte auf dem Weg ist zugleich das Ziel."

Wieder frage ich mich, ob Jean-Francois und mich nicht mehr verbindet, als ich denke. Ob nicht nur er, der Katholik aus Quebeq ein Pilger ist.



Doch Jean-Francois ist kein strenger Katholik. Er schätzt die Traditionen, er schätzt den Wert der Riten. Sie sind wichtig für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Doch auch er hat auf seinen Reisen seine Erfahrungen mit der Religion gemacht.
"Der Katholizismus nicht nur in Spanien ist streng. Ich habe erlebt, dass Leute auf dem Jakobsweg eher ausgeschlossen wurden: 'Du bist nicht katholisch. Du darfst am Abendmal nicht teilnehmen'. Der Buddhismus, wie ich ihn auf dem japanischen Pilgerweg erlebte, ist da offener. Auf dem Shikoku-Weg lassen Japaner auch einen Nicht-Buddhisten an jeder Zeremonie teilnehmen. Sie leiten ihn sogar während der Zeremonie an."

Wir plaudern, während wir auf den warmen Steinen sitzen, bis es Zeit ist für uns zu gehen. Mein Weg führt zurück zum Zug. Jean Francois möchte noch weiter, für ihn ist der Jakobsweg in Santiago de Compostela noch nicht zu Ende. Er will noch weiter nach Muxia, bis zur Kirche auf den Klippen, vor denen ich im Nebel ankerte.

Nicht vergessen werde ich, wie Jean-Francois sich verabschiedete. "Bis bald", sagt er mit heiterer Gewissheit, "Wir sehen uns wieder." Er sagt das nicht als Floskel. Sondern so, als blieben wir durch unser Gespräch, unsere Begegnung für immer verbunden - wo immer uns der Weg auch hinführt.












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