Sonntag, 4. Januar 2015

Von Menschen und von Schiffen: Die vernachlässigten Schiffe.

Sie gehören zum Bild eines jeden Hafens: vernachlässigte Schiffe. Hier an einem Ort, den pro Jahr unzählige Yachten passieren: An der Einfahrt in den Kanal von Levkas, die man im Hintergrund sieht, und vor der Festung Santa Maura.
Es ist Teil des Traums. Und es gehört zum Segeln dazu, vom ersten Moment an, seit ich zum ersten Mal als frischgebackenes Mitglied einer Eignergemeinschaft mit dem Bandschleifer in der Hand auf der Werft von Andrea und seinem Babbo am Containerhafen von Livorno stand. Dort wo unser ganzer Stolz lag: Unsere JUANITA, eine FEELING 36, Baujahr 1983. Es gehörte von da ab zum Jahreslauf, einmal im Jahr zu Dritt, das Auto voll gepackt mit Werkzeug, Ausrüstung, Töpfen voll Abbeizmittel, Antifouling, Blauem Peter in ranzigen Arbeitsklamotten für eine Woche nebeneinander auf dem Boot zu stehen. Schadhaftes auszubessern. Neues anzubringen. Dem Motor, diesem dauernden Sorgenkind, mal wieder die ganze Aufmerksamkeit zu schenken, damit er uns nur ja gewogen blieb, die Segelsaison über.

Zum Anblick von Andrea's Werft gehörte neben den dort kreuz und quer eng nebeneinander aufgepallten Booten auch solche, auf denen im Frühjahr niemand stand. Solche, zwischen denen von Jahr zu Jahr das Unkraut höher schoss. Die sich von Jahr zu Jahr auf ihren Pallhölzern zur Seite neigten, müde von der Last der Jahre, tatsächlich aber, weil niemand mehr erschien, Schadhaftes auszubessern oder gar Neues anzubringen. Ich erinnere mich an eine gewaltige Segelyacht aus Stahlbeton, auch damit wurden schon Boote gebaut in den 70ern, 80ern, ein riesiger grauer Klotz in der Dunkelheit mitten aus dem Unkraut aufragend, wir konnten nicht anders, neugierig und aus maschinenbaulicher Neugier, als uns das Trumm in der Nacht aus der Nähe und von Innen anzusehen, Ein Gefährt zum Angsthaben ob seiner schieren Wucht, ein uralter Riese, grau, vernachlässigt, an manchen Stellen, an denen der Beton abgeplatzt war, kam sichtbar rostendes Stahlgeflecht zum Vorschein. "End of Life", sagen Betriebswirtschaftler und Marketingleute über ein Produkt.


Es gehört aber nicht nur zum Anblick einer Werft. In jedem Hafen kann man in irgendeinem Winkel ein vernachlässigtes Schiff sehen, das einen dauert. Im pittoresken Piran ebenso wie im lauten Marmaris. Natürlich steckt hinter jedem dieser Schiffe eine Geschichte, und wenn ich könnte: dann würde ich sie aufschreiben, nicht nur die eine Geschichte meines Bootes, so wie Lefteris, dem ich in Korfu begegnete und der sich unrettbar in eine ABEKING & RASMUSSEN-Werft aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts verliebte. Oder die Geschichten, die der Seemann mit den traurigen Augen erzählt, der in Ancona Holzboote repariert. Sondern alle Geschichten, jede einzelne, die diese Boote erzählen. Geschichten erzählen, das können diese Boote, ja.


Es ist Teil des Traums. Ob arm, ob reich: In bester Absicht, voll Zuversicht und Vertrauen in sich und seine Kraft erwirbt man ein Boot. Lebt seinen Traum, ob groß, ob klein, ob dauernd oder nur wochenweise auf dem Wasser. Aber manchmal passiert dann etwas Unvorhergesehenes. Neigungen und Vorlieben ändern sich: Und das Boot, einst geliebt und gehätschelt, gerät aus den Augen, aus dem Sinn. Wird vernachlässigt. Mit Booten ist es wie mit Menschen.

Oder Schlimmeres geschieht, wir können uns nicht mehr kümmern. 

Vernachlässigte Boote: das sind Spiegel unseres Selbst, unseres Daseins, unseres Umgangs mit Zeit und Älterwerden. Und Älterwerden, auch das ist Teil unseres Daseins. Es kommt nur nicht vor. Weder in unseren Träumen. Noch in den Hochglanzprospekt vom neuen Boot, den wir uns gerade ansehen. 


Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass vernachlässigte Boote ihre Würde verloren haben. Ihr Zustand ist bemitleidenswert. Nichts, was wir uns für uns selbst noch jemand anderen wünschen würden.

Also: kümmern wir uns! Um unsere Boote. Aber vielleicht morgen auch mal um jemanden, der vernachlässigt ist. Der uns irgendwie einfach gerade begegnet. Denn das Leben: es ist voll von Begegnungen und Chancen. Jeden Tag. Für jeden. Auf dem Meer. Im Hafen. An Land.


                                                      Weiterlesen bei: Lefteris und seine Yacht aus den Zwanzigern. Hier.
                                                      Weiterlesen bei: Carlo. Der Seemann mit den traurigen Augen.    
                                                      Weiterlesen bei: Die vergessenen Orte. Santa Maura bei Lefkada.  
                                                       Weiterlesen bei: Nonna Sistina. Die Kirchenwächterin von den  
                                                       Weiterlesen bei: Was ist eigentlich Segeln, Teil I.




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