Montag, 14. Juli 2014

Songs of the Sea: L'Isola, ein Sommerhit von Simone Christicchi.

Ach ja: die Sehnsüchte. Es gab die Deutschen noch gar nicht, da träumten und wandelten sie schon in Scharen in Gestalt von Kimbern und Teutonen über die Alpen. Das war 100 vor Christus. Und richtig viel hat sich in den letzten 2.100 Jahren daran nicht geändert. Otto der Große tat's. Barbarossa auch. Friederich II. mochte gar in Deutschland nicht wohnen und verlegte gleich seinen Wohnsitz näher ans südliche Meer. Und Goethe träumte und wünschte sich stellvertretend für uns nach Italien.

Aber wovon träumt denn Italien? Träumen und sehnen sich denn auch Italiener nach einem anderen Land? Vielleicht eins, wo die Zitronen blühen? Und wenn ja, nach was für einem? Denn eigentlich haben sie doch alles: Die Sonne. Das Meer. Alles, was man sich wünschen kann.

Eines der wichtigsten Ereignisse des italienischen Kulturjahres ist: der Sommerhit. Er ist fester Bestandteil des italienischen Sommers, des Ferragosto insbesondere: ein bestimmter Song, den landauf, landauf jede Bar und jedes Balneario in Endlosschleife dudelt. Das Werden eines solchen Sommerhits weist frappierende Ähnlichkeiten mit den Vorgängen auf der Trabrennbahn München-Daglfing auf. Simone Christicchi, Liedermacher und Gewinner des wichtigsten italienischen Songcontests Sanremo, ging schon ein paar Mal als Erster in diesem eigentümlichen Wettbewerb über die Ziellinie. Mit Recht, wie wir meinen. War er es doch, der in einem seiner Sommerhits den Schleier lüftete, wonach sich Italien sehnt: Na klar: Von Griechenland träumt der Italiener. Und warum?



"C'era il sole,
c'era il mare,
c'era tutto,
che volevo desiderare."

Moment mal: "Da gab's Sonne, da gab's das Meer, da gab's alles, was ich mir wünschen konnte"? Wenn WIR uns seit Jahrtausenden dahin wünschen, wo Sonne und Meer sind; und die, die Sonne und Meer schon HABEN, sich woanders hin wünschen: nämlich dorthin, wo es Sonne und Meer gibt: dann heißt das doch, dass offensichtlich nicht an jedem Ort Sonne gleich Sonne und Meer gleich Meer ist. Da ist also irgendetwas anderes noch im Spiel. Und diese "andere" geht so tief, dass ein gewisser Fabio in Christicchi's Song davon träumt: "Und nächstes Jahr, da bleib ich für immer." Es ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
Und bevor wir uns nun der Frage zuwenden: wovon denn die Griechen träumen, muss ich den geneigten Leser, die geneigte Leserin dahin entlassen, wo die Kompetenz des Autors endet. Ins Reich der eigenen Sehnsüchte. Reisen Sie also kurz dorthin. Simone Christicchi's Sommersong ist eine richtig gute Fahrkarte.




Samstag, 12. Juli 2014

Die vergessenen Inseln: Errikousa oder: Die Insel der Zypressen.


Mit über 6.000 Inseln verwaltet Griechenland rund 82% aller Mittelmeer-Inseln, ihre Fläche beträgt aber nur ein knappes Viertel der Mittelmeer-Inseln, sagt Wikipedia. Schon klar: Zypern, Malta, Sardinien, Korsika, Sizilien, die Balearen sind die Flächensieger. Aber was die Vielzahl der Inseln angeht, liegt Griechenland klar vorne. Und wer gerne eine Liste mit den Namen aller Inseln hätte: hier bitteschön.

Fangen wir doch etwas weniger strapaziös an mit den nördlichsten beiden Inseln in Griechenland. Über Othonoi, das man oben im Bild sieht, schrieb ich bereits weiter unten. Ein paar Seemeilen östlich liegt Errikousa: klein, flach, grün.


Und das Grün entpuppt sich als Zypressen, die in der wilden Macchie zuhauf stehen. 


Die Phönizier haben sie angeblich aus dem Osten mitgebracht. Phönizier, die Purpurhändler aus Tyros. Als nach dem großen Zusammenbruch aller Kulturen und des Handels im östlichen Mittelmeer um 1100 vor Christus die dunklen Jahrhunderte anbrachen, waren die Phönizier aus Tyros im heutigen Libanon um 900 vor Christus die Ersten, die wieder aktiv Handel trieben, ja, mehr noch: ihre Handelsaktivitäten weit über das Gebiet der vorher den Handel beherrschenden Kreter und Mykenier ausdehnten. Sie waren Händler, und Homer mochte sie nicht recht leiden. Krämerseelen. Aber sie waren perfekte Seefahrer. Und unsere Schrift verdanken wir diesen Krämern. Und die Zypressen. 
Die Römer waren es, die die Zypressen richtig kultivierten und anpflanzten. Um Öle und Wundarznei daraus herzustellen.
Da Errikousa und Othonoi wichtige Stationen auf der alten Seefahrtsroute zwischen Griechenland und Italien sind, ist davon auszugehen, dass die Zypressen schon lange auf der Insel heimisch sind.

Auf Erikousa gibt es nur einen Ankerplatz: die große Südbucht, die man im Bild oben mit ihrem langen Sandstrand sieht.


Im Moment sind wir mit Levje in Errikousa ziemlich allein. Das Leben geht einen langsamen Gang.


Die Fähre, die einmal am Tag kommt, bringt eine Handvoll Badegäste und Brot und Fleisch für die beiden Restaurants. Ein paar Segler, auf der alten Route unterwegs. Maggie, die hier geboren wurde, in New York lebt, aber ihren Sommer mit den Kindern hier verbringt, sagt, ab Mitte Juli würde es voll werden. Nein, nicht Touristen. Sondern Amerikaner. Um 1980 lebten auf Errikousa noch etwa 1.000 Menschen. Heute sind es noch 40: zehn davon Griechen, 30 Albaner, die die Arbeit machen und sich angesiedelt haben. Die anderen sind ausgewandert, überwiegend nach Amerika. Aber einmal im Jahr: da kommen sie und ihre Kinder wieder auf die Insel, um sich hier zu treffen. Und Ferien zu machen.

Ganz vergessen ist die uralte und wunderschöne Insel Errikousa dann doch nicht.












Donnerstag, 10. Juli 2014

Menschen am Meer: Lefteris und seine Yacht aus den 20er Jahren.


Das ist Lefteris. Und er steht hier auf seiner Yacht, der SEHPHNA TOY IONIOY, was übersetzt "Sirene des ionischen Meeres" bedeutet. Lefteris lernte ich im Hafen des Segelclubs unterhalb der Festung kennen, wo Levje's Liegeplatz neben der Sirena ist.

Und dies hier ist die Sirena:

Die SIRENA ist ein deutsches Schiff: sie wurde gebaut 1921 bei ABEKING & RASMUSSEN in Lemwerder. Wenn ich sie irgendwie einordnen müsste, würde ich sie vorsichtig als "11m-Tourenkreutzer" beschreiben. 1921 bei ABEKING & RASMUSSEN, das bedeutet: drei Jahre nach Ende des schrecklichen ersten Weltkriegs. Zwei Jahre vor der Hyperinflation von 1923. Und dem Hitler-Putsch in München. Eineinhalb Jahre nach den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Deutschland zwischen Freikorps und Kommunisten.


Lefteris, der sein Schiff sehr liebt, hat es 1989 gekauft. Ohne auch nur die leiseste Ahnung von Holzbooten, ihrer Technik und den Mühen ihrer Erhaltung zu haben. Er hat sich als einfacher Mann, der Sommerferien für Kinder auf Korfu organisiert, in dieses Schiff verliebt. Und sie einfach gekauft. Und Stück für Stück restauriert. Lefteris erzählt mir die Geschichte seine Schiffes, und ich gebe sie einfach so wieder, wie er sie mir erzählte, und wie sie die Vorbesitzer ihm erzählten:

Gebaut wurde sie 1921 in Lemwerder für Alfred Dunhill, den Zigarettenbaron. Leider fand ich ihn nicht im Baunummern-Verzeichnis von ABEKING & RASMUSSEN. Der veräußerte sie in den Dreissiger Jahren an eine Nazi-Größe. Und aus dieser Zeit stammt die Geschichte, dass auch Hitler einer Einladung zum Segeln auf ihr gefolgt sei. Nach dem Krieg gehörte sie einem englischen Priester, der auf ihr unterwegs war. Dann ging sie nach England, an den damaligen Director of LLOYDS. Ein spanischer Offizier brachte sie nach Spanien. Und segelte mit ihr über den Atlantik. In der Karibik wurde sie von einer britischen Einhandseglerin entdeckt, die mit ihr über den Atlantik und weiter nach Indien segelte.


Von Indien aus kehrte sie zurück ins Mittelmeer, nach Korfu. Wo Lefteris sie in trostlosem Zustand fand. Und sie Stück für Stück liebevoll instand setzte. Und heute noch an Wochenenden hinausfährt und mit ihr segelt.


Ob die Geschichte so wahr ist? Ich weiß es nicht. Lefteris ist ein bescheidener Mann. Und er liebt sein Boot und die vielen Orte, Menschen und Geschichten, die diese Yacht schon gesehen hat.
















Mittwoch, 9. Juli 2014

Das Meer und seine Bewohner: Seeigel. Oder: Wie schmecken die Dinger eigentlich?

Manchmal, wenn der Mensch am Meer weilt, ist's ihm langweilig. Das ist, glaubt man erfahrenen Kindern, die größte Seuche, die den Menschen seit der Beulenpest anfällt. Wenn dem Menschen langweilig ist, dann tritt er in einen Seeigel. Dann ist ihm schlagartig nicht mehr langweilig. Der Seeigel nimmt das meist kaum zur Kenntnis, er merkt, dass ihm jetzt ein paar schwarze Kalkspitzen fehlen. Das ist für den Seeigel so, wie wenn uns beim Kämmen ein paar Haare ausfallen. Man registriert's. Die schwarzen Kalkspitzen stecken aber jetzt in des Menschen Fuß, und der nimmt das - gelinde gesagt - seufzend zur Kenntnis. Zitrone draufträufeln, mit Pinzette und Stecknadel rumpulen, in unverdünntem Essig baden: wir harren auf frag-mutti.de noch des finalen Ratschlags, wie man damit umgehen soll.

Man kann mit Seeigeln aber auch andere Dinge anstellen, als nur reintreten.


Dieser fröhlich blickende Herr ist Dimitris. Und er sammelt jeden Tag hier am Nordufer des kleinen Hafens unterhalb der Festung Seeigel. Er sammelt sie aber nicht, wie wir leere Plastikflaschen sammeln, um sie wegzubringen. Dimitris liebt Seeigel. Und er isst sie. Mit Behagen und Genuss.

Bis das allerdings soweit ist, hat Dimitris aber noch die Sache mit den Stacheln zu regeln. Er tut das so:


Im Video ist das sehr schön zusehen, wie das funktioniert - und ich bitte die vegan gesonnenen Gemüter unter meinen LeserINNen, hier nicht draufzuklicken. 

Dimitris hat ungefähr 30 Seeigel geöffnet, die wir nacheinander essen. Essbar ist der orange Bereich, nennen wir es: der Seeigel-Kaviar. Der schmeckt ein bisschen wie Kaviar und frisches Meer und gerade geöffnete Muscheln und gerade dem Meer entnommene Meeresfrüchte. Man löst die vier, fünf Streifen orangen Muschelfleisches von der Wand und schlürft sie. Ich sinniere, wie ich das Ganze mit einem Spritzer Zitrone veredeln könnte. Und einem Glas eiskalten Weisswein, ja? Vielleicht zwei? Dimitris rät sofort und nachdrücklich zu Ouzo. Für einen Moment wechselt sein fröhlicher Blick in Verzückung. Soweit bin ich nun aber in den höheren Weihen griechischer Lebensart noch nicht vorgerückt. 

Seeigel sind aber auch auf ganz andere Arten geeignet, des Menschen Langeweile zu beenden: Zum Beispiel auf Chefkoch.de. Da gehen die Wogen über den armen Kerl ganz, ganz hoch. Er hat hier, auf Chefkoch.de, so eine Art Stachel in der täglichen Routine unserer Nahrungsaufnahme hinterlassen.
Aber das ist nun wirklich eine ganz andere Geschichte...






Dienstag, 8. Juli 2014

10 Tipps fürs Segeln in Italien

- Post zuletzt durchgesehen und auf Richtigkeit geprüft: 7. Mai 2017 -

Jetzt, wo ich Italien verlassen habe, am Ende meiner Reise von Triest nach Brindisi, also die Adria-Küste hinunter, eine Zusammenfassung mit Tipps zum Segeln in diesem wunderbaren Revier, wobei diese Tipps so - mit Einschränkung - ähnlich für die Westküste Italiens gelten.

Der Conero südlich Ancona. Eine der schönsten Ecken.
    

1. Das Revier ist für mich immer noch eines der Schönsten. 
- Guter Wind (Ausnahme Nordadria), gutes Wetter.
- qualitativ für mich ungeschlagen: die italienische Küche. Man kann in Italien ein Restaurant mit verbundenen Augen betreten, es wird schlimmstenfalls "mittelmässig": aber niemals schlecht ...


_________________________

Jetzt neu:
                                            

41 Geschichten aus fünf Ozeanen von
Bodo Müller
Mareike Guhr
Rollo Gebhard
Holger Peterson
Jocelyn Fastner
Roberto Imbastaro
Sebastian Pieters
und vielen vielen anderen...

Oder bei AMAZON.
Oder in Ihrer Buchhandlung.

________________________________


... ausfallen. Preislich ist alles geboten: im Süden lebt man, wenn man das möchte, günstig von der Pizza an der Ecke für 90 Cent. Oder von den vorzüglichen Fisch-Antipasti, meist 6-10 verschiedene Gänge für 10-12 €. Für mich immer noch klarer Sieger gegenüber den uniformen Küchen Griechenlands und Kroatiens. Oder der köstlichen, aber preislich häufig jenseitigen Küche Südfrankreichs.
- Alter Boden und Historie auf Schritt und Tritt. Für den, der gerne in alten Zeiten forscht, ein Paradies.

2. Herrliches Segeln.
Segelnd war ich zwischen Mitte Mai und Ende Juni fast ganz allein auf dem Meer. Gelegentlich ein paar Franzosen. Mal ein deutscher Segler. Kaum Italiener, für die beginnt die Segelsaison erst ab Mitte Juli, Höhepunkt dann im August, da wirds voll, wenn alle Italiener gleichzeitig ans Meer strömen. Die Segelsaison endet dann auch gleich mit dem Ferragosto, den großen italienischen Augustferien. 
An der Adriaküste: keine Charter, keine Flottillen: man ist allein unterwegs. Wie Sven sagte: "In Trondheim segelt man das ganze Jahr, in Italien sechs Wochen." 
Und: man ist in Städten, die nicht ihren Jahresumsatz in zwei Monaten mit Camping- oder Chartertourismus einfahren müssen.

2. Es gibt wenig Inseln die Küste entlang.
Ausnahme im Uhrzeigersinn: die Tremiti-Inseln (ich schrieb darüber), die Inseln neben Malta und nördlich Sizilien, die toskanischen Inseln.

    Die Tremiti-Inseln. Levje als einziger Segler am Fähranleger - und der darf erst ab 19 Uhr  
    angelaufen werden Und muss ab 8 Uhr morgens wieder geräumt sein...

3. Es gibt wenig Buchten.
Wer das Ankern draussen und das Buchteln liebt, wird an der Adria selten fündig. Es gibt wenig geschützte Buchten wie in der Kroatien, Griechenland oder Türkei. Oder auch "freie" Bojenfelder wie in Kroatien. Abends geht man in den Hafen. Und da wird's tricky.

4. Liegeplätze in Hafen und Marina, "Porto Turistico" genannt.
Wer die andere Adria-Seite in Kroatien bereist, der ist mit den ehemaligen ACI-Marina's verwöhnt: an jedem wichtigen Spot eine Marina mit standardmäßig gutem Komfort. Aus Frankreich und der Türkei kenne ich es ebenso, wie in der Karibik im nördlichen Teil. Überall, wo das Charter-Segeln einen gut entwickelten Wirtschaftszweig darstellt, findet man professionell betriebene Marinas, auch in Slowenien. Das ist in Italien anders: Zwar gibt es auch privat betriebene Marinas, zum Beispiel Grado oder Venedig oder Ravenna oder Fano oder Vieste oder Brindisi oder Santa Maria di Leuca ganz unten, die sich auf Segler eingerichtet haben: aber die Regel ist das ganz und gar nicht. Ein Hafen in Italien ist etwas, das von allen genutzt wird: Fischer, Berufsschiffahrt, Behörden, zunächst. Und dann auch Angler. Motorbootfahrer. Und irgendwann auch Segler. Der Mix machts auch reizvoll.

Mein Liegeplatz in Otranto neben Micoperi Trenti, dem Schiff, das die Costa Concordia wieder
    richtig rum drehte.
   
Die interessantesten Liegeplätze fand ich immer über die beiden großen italienischen Bootsclubs: entweder die LEGA NAVALE oder den CIRCOLO NAUTICO.  Das sind regionale Clubs unter überregionalem Dach. Wie die Namen schon sagen, sind in diesen Clubs alle zusammengefasst, die einen schwimmenden Untersatz haben, unter anderem auch Segler. Meist haben diese Clubs ihre Liegeplätze an den reizvollsten Stellen: In Ancona bei den Mole Vanvitteliana, in Brindisi genau gegenüber der Altstadt. Aber:
- Nicht jede LEGA NAVALE und nicht jeder CIRCOLO NAUTICO bietet Liegeplätze für Gastlieger an: In Numana oder Pescara wurde ich abgewiesen (Nur Platz bis 80 cm Tiefgang im Fluß mit starken Gezeiten) und in Barletta auch (Nur für "Soci", Mitglieder).
- ein italienisches Hafenhandbuch gibt es nicht: ich habe dieses mal gefunden, aber es war aus dem Jahr 2011 und überdem mit Häfen in Kroatien und Griechenland: einfach nicht vollständig.



- Eine gute Übersicht über die Häfen bieten auch Pagine Azzurre im Internet an: Hafenpläne fast aller italienischen Häfen mit Kontaktdaten. Ich habe damit allerdings wenig gearbietet.
- Jede LEGA NAVALE und jeder CIRCOLO NAUTICO ist anders anzusprechen: die einen über Kanal 12, die anderen über Kanal 9 oder 16. Wieder andere (in Trani) hören halt grad kein VHF. In San Benedetto und Ancona funktionierte an die Stege fahren und anpreien. Oft habe ich per Handy angerufen, eindeutig hilfreich. Da für Italiener "Englisch sprechen" in der Beliebtheit gleich nach "Galeere rudern" oder "Wandern" kommt, schaden Italienisch- oder Französisch-Kenntnisse nicht.
- Telefonnummern findet man über das mittlerweile recht ordentlich entwickelte www.cruiserwiki.com. Die meisten Telefonnummern dort sind aber veraltet. Am besten über Internet rausfinden. Und an jedes Mitglied gehen sowieso zweimonatlich Updates mit allen Daten raus: wer es also mal geschafft hat, in einem der beiden Clubs einen Liegeplatz zu finden, der frage einfach gleich nach dem neuesten "elenco", dem aktuellen Verzeichnis. Mir wurden die Verzeichnisse sehr gerne kopiert.
- bei den Ansprüchen an Toiletten und Duschen muss man deutlichste (!) Abstriche machen: Die Clubs sind ja nicht von Fahrtensegeln bevölkert, sondern von einheimischen Bootsleuten. Die duschen dort nicht. Und Waschmaschine brauchen die im CIRCOLO auch keine. Man trifft sich da tagsüber. Meist ist ein Restaurant dabei. Und geht abends wieder heim. Entsprechend "unterentwickelt", nicht vernachlässigt, ist dann der sanitäre Bereich.
- Die Preise für ein 31-Fuß-Schiff variieren zwischen 25 € und 50 €. Den Vogel schoß Ponza vor Rom ab mit 100 € - ohne Toiletten und Duschen, die gibts da nicht. Costa Smeralda auf Sardinien partiell ebenso.

5. Windverhältnisse in der Adria im Sommerhalbjahr:
Nordadria
Entweder zu wenig Wind oder zuviel Wind. Wenn zuviel Wind, dann aus Nordost (Bora) oder Süd (Scirocco oder Jugo). Selten, aber kurz und heftig: Tramontana. Die Nordadria ist vor allem im frühen Sommerhalbjahr im Osten, im Golf von Triest, eine der gewitterreichsten Ecken.


Mittel- und Südadria: 
Überwiegende Windrichtungen an der Adria: Nordwest oder Südost - "immer die Küste entlang". Das macht das Segeln an diesen Küsten spannend: Wind gibts immer, aber Warten aufs geeignete Wetterfenster lohnt sich - wenn man Zeit hat!

6. Wetterberichte
Sehr zuverlässig Kanal 68 rund um die Uhr. Das wird sich hoffentlich auch nicht ändern. Italien ist ein Volk der Bootsbesitzer und Bootsfahrer. Ob Angler, Fischer, Berufsschiffahrt, Großschiffahrt, Tanker, Küstenwache, Guardia di Finanza: In Italien werden Häfen und Meer von vielen Berufsgruppen genutzt. Kanal 68 gehört mit dazu.
Daneben die einschlägigen Internet Services. Ich benutze seit Jahren Windguru.cz. Aber Windfinder ist sicher auch keine schlechte Alternative.

7. Internet und WLAN
In den meisten Häfen ist mittlerweile WLAN Standard. Allerdings in unterschiedlicher Qualität. Mal schnell und auf jedem Liegeplatz. Mal nur vor der Rezeption. Mal inoffizell über das Restaurant am Hafen.

8. Internet:
Für "Generation Internet" und "Digital-Nomaden" ist so einfach nicht, wie man das immer wieder liest. Folgende Erfahrung:
Ich habe mir in Italien eine TRE-Card besorgt, die gibt es in den überall vorhandenen TRE-Läden oder Computerstores. 3GB für 5€. Technisch keine Probleme und schnell und ich war sehr zufrieden. Allerdings sind da ein paar "Feinheiten" in den Vertragsbedingungen, die man (Stand Juni 2014) unbedingt berücksichtigen sollte, und die bei ALLEN TRE-Kunden für Ärger sorgen:
- die 3 GB gelten nur bis zum ENDE DES KALENDERMONATS - nicht für vier Wochen!
- man kann die Karte nur für den aktuellen Monat kaufen. Nicht für Folgemonate!
- als ich versuchte, dem vorzubeugen und für vier Monate, also für 20 € gleich 12 GB einzukaufen: waren die 20 € auch innerhalb von zwei Wochen weg: das System fasste mein Guthaben als "jetzt bitte teuer über Roaming surfen" auf. Und schaltete regelmässig auf "teuerere Provider" um.
- Generell: Unbedingt "Roaming" ausschalten!
- man kann TRE in jedem Tabacchaio einfach und schnell nachladen ("Ricarica"). Allerdings darf man das Internet dann erst ab 0 Uhr benutzen. Tut man's vorher: arbeitet TRE mit teuren Roaming-Anbietern, und fünf € sind am selben Tag futsch!
- Hotline: Von deutschem Handy aus natürlich nicht erreichbar. Das geht - nummerntechnisch - nur von TRE-Handy aus!
- Internet-Hotline: Auch dafür braucht man ein TRE-Handy, um sich zu registrieren!
- Bei jedem Internet Start erhält man statt der aufgerufenen Internet-Seite erstmal die TRE-Seite. Das nervt vielleicht...
- Hab ich was vergessen?


_________________________

Am 1. Januar 2016 erschienen: Was man übers Segeln in Sizilien wissen muss:



Im Sommer 2016 umsegelte ich auf LEVJE Sizilien.
Dies ist der Reisebericht. Und die Beschreibung eines Segelsommers 
und einer Reise um eine Insel, die ihresgleichen sucht.
Mit Anhang für Segler mit "Do's & Don'ts", Häfen, Marinas, Internet.

JETZT als erschienen als PRINT oder als EBook ab € 9,99

sowie in jeder Buchhandlung oder bei AMAZON.
________________________________




9. Chartern
Da muss man ein bisschen suchen. Klar, um Elba herum wird man schnell fündig. Ich würde aber auch Slowenien mit Piran und Portoroz andenken. Venedig ist von beiden Orten aus keine 100 Seemeilen entfernt und war per Segelboot ein echtes Highlight meiner Segelreise. Ich schrieb über die Fahrt in den Lagunen. Und die Strände von Lignano, Jesolo sind - so sehr im Sommer ein Graus - im späten September gut für lange, einsame Strandspaziergänge.

10. Italienisch
Ich bereise Italien seit etwa 40 Jahren regelmässig. Ich habe auch berufsbedingt viele andere Länder bereist, aber keine Nation kennengelernt, die derart Dankbarkeit und Offenheit zeigt, wenn man ihre Sprache spricht. Italienisch ist der Schlüssel zu diesem Land. Italienisch sprechen ist einfach. Und wer im süditalienischen Lebensmittel-Laden schon mal "tre mele, per favore" statt "three apples" sagt: ist klar im Vorteil. 


Jetzt lesen: 
40 spannende Geschichten, wie es ist, im Gewitter zu Segeln:

40 Segler berichten ihre Erfahrungen.
In 8 Revieren.
Auf 272 Seiten.
Mit über 100 Fotos.
Mit mehr als 100 Learnings über richtiges Verhalten im Gewitter.





                                    Sie möchten jeden neuen Artikel von Mare Più gleich bei Erscheinen erhalten?    
                                    So geht's : 
                                    1. Einfach E-Mail-Adresse oben rechts bei "News & neue Artikel... eintragen". 
                                    2. Bestätigungsmail von FEEDBURNER abwarten.
                                    3. Den Link im FEEDBURNER-Mail einfach anklicken.


Montag, 7. Juli 2014

Das Meer und seine Bewohner: Die Wunderschnecke oder: Wie man sich vom Licht ernährt.


Diesen Beitrag hat mir Alex aus München geschickt. Er beschreibt darin die ungewöhnliche und vorbildliche Ernährungsmethode der Grünen Samtschnecke, die (hier im Video) im Mittelmeer zuhause ist. Die aber kaum jemand beachtet.
Die Mitglieder der Gattung Elysia haben die Idee der Energiewende im wahrsten Sinne des Wortes gefressen!
Wer noch nie etwas von Tieren dieser Gattung gehört hat: Es sind Schnecken, welche einige unserer Meere fast unbemerkt bewohnen. Dass diese kleinen Schneckchen schwer zu finden sind, liegt aber nicht nur an ihrer geringen Körpergröße (etwa 3 cm, kommt aber auf die unterschiedlich Art an), sondern auch daran, dass sie sehr gut getarnt sind. Sie sind grün, ja sogar genauso grün wie ihre Lieblings-Nahrung: Algen. 
Der Witz dabei ist: Sie sind nicht genauso gefärbt wie die Algen, sie sind die Algen!...? Was soll das heißen? Es handelt sich nicht um irgendeinen beliebigen Farbstoff, sondern um einen alten Bekannten: das Chlorophyll. Diese Schnecken haben es im Laufe der Evolution geschafft, die Chloroplasten der Algen aus ihrem Verdauungstrakt zu extrahieren und für sich arbeiten zu lassen. Soll heißen: Sie fressen sich voll mit Algen und leben dann für lange Zeit ausschließlich von den Produkten der Photosynthese ihrer "geklauten" Chloroplasten! Diese Zeit kann je nach Art einige Tage bis zu einem ganzen Jahr betragen! Die Chloroplasten überleben übrigens in ihrer "fremden Umgebung" nur, weil die Schnecke sich - aufgrund des ewigen Algenkonsums in den letzten tausend Jahren - einige Gene der Algen einverleibt hat. 
Diese Schnecken wissen wirklich wie man gemütlich über die Runden kommt. 


Für uns Menschen ist diese Art Ernährung leider (noch) keine Option, da wir die wertvollen Chloroplasten einfach verdauen...wie schade. Wie dem auch sei, diese Schnecken-Gattung ist ziemlich cool. Sie betreiben etwas Schwimm-/Kriechsport (hier im Video) jeden Tag und essen sich dabei am Sonnenlicht satt. Ein Vertreter kommt auch im Mittelmeer vor: Elysia viridis, die grüne Samtschnecke. Wobei ich nicht genau weiß was Elysia bedeutet, aber es kommt denke ich mal von Elysium (= Zustand des volkommenen Glücks). Viridis ist lat.für grün bzw. grünlich. Hier ist noch ein Bild mit Infos und ein Video:  http://www.zukunft-der-energie.de/energieinkuerze/energie_im_zoom/zelle_wunderschnecke.html




Samstag, 5. Juli 2014

Die vergessenen Inseln: Othonoi


Die Nacht ist unruhig. Die Böen halten unvermindert an, selbst im Hafen pfeift es mit 26-29 Knoten. Bei solchen Bedingungen schlafe ich praktisch mit einem offenen Ohr. Und wecke mich nachts selber auf: "Los, steh auf, schau, ob die Bucht noch da ist und der Anker hält." 
Dreimal stehe ich nachts auf, mache meinen Rundgang, kontrolliere, ob der Anker die Böen aushält beobachte das Wetter und die Bewegungen des Schiffes. Aber alles ist sicher. Levje schwingt in den Böen, und der Anker hält.

Am Morgen ist der Spuk vorbei. Alles ist ruhig, das Wasser ist still und kaum bewegt. Und so wie oben zeigt sich die Hafenbucht von Othonoi kurz nach dem Aufwachen. Als wäre nichts gewesen. Nur mein Flaggenstock samt meiner tiefblauen Europaflagge: den hat der Wind aus der Halterung gerissen. Oder gar ein wütender Grieche am frühen Morgen?



Freitag, 4. Juli 2014

Unter Segeln: Einhand durch die Straße von Otranto: von Brindisi/Italien nach Othonoi/Griechenland

Ich habe bisher wenig über meinen Alltag auf einem Segelboot geschrieben. Und darüber, wie es ist, zu segeln, noch dazu allein. Bewusst deshalb nicht, weil es Beschreibungen darüber zuhauf im Internet gibt. Und über spannendere Gebiete und Abenteuer noch dazu. Aber diese Website mit Geschichten über das Meer wäre nicht vollständig, wenn nicht gelegentlich etwas von meinem Segelalltag durchscheint. Hier also meine Beschreibung der Überfahrt von Brindisi/Italien nach Othonoi/Griechenland am 1. Juli 2014.

Ich wache auf. Es ist drei Uhr Morgens. Dunkel und ruhig draussen. Am Abend vorher hatte es noch aus Südost mit bis 35 Knoten in den Hafen von Brindisi geblasen, aber mit einem Schlag war alles vorbei. Ein leichtes Lüftchen noch aus Nordwest. Als wäre nichts gewesen.

Ich halte die Uhr in der Dunkelheit vor die Augen. Dann mache ich Licht, stehe auf und höre den Wetterbericht. Zuerst den italienischen, auf Kanal 68. Die immergleiche Stimme ist beruhigend. Dann hole ich mir die neuesten Berichte aus dem Internet. Heute Nordwest bis 5 bft, nördlich Othonoi, da wo ich hin will, nach Griechenland, sogar 6 bft. Morgen kein Wind. Danach drei Tage mit 5-6 aus Nordwest, drehend auf Süd. Das kann ich so gar nicht brauchen. Also: Entweder fahre ich heute gemütlich an der italienischen Küste, bis zum idealen Absprungpunkt Castro. Und dann morgen mit 0 Wind UNTER MOTOR über die Südadria zur nächstgelegenen griechischen Insel Othonoi, nördlich Korfu. Oder ich fahre HEUTE die ganze Strecke UNTER SEGEL. Von Brindisi weg. In einem Rutsch. Dafür habe ich auf meinem Kurs nach Südosten den richtigen Wind: der "schiebt" mich zuerst mit fünf, am Ende sechs Windstärken durch die Straße von Otranto nach Griechenland. Aber: ich werde mindestens 18 Stunden unterwegs sein. Das bedeutet: Jetzt um drei morgens los, damit ich in Griechenland noch etwa im Hellen ankomme und sehe, wo ich ankern kann. "Den Landfall am Tag machen", nennt man das. Aber: Bis zur Ankunft um 21 Uhr nicht schlafen.

Ich mache mir einen Tee und ziehe mich an. Draußen schaue ich das Wetter an. Alles dunkel. Alles ruhig. Kein Hauch. Auch nicht die 5 Beaufort aus Nordwest. Das sieht gut aus. Also los. Heute. Das ganze Stück. Ich bin bereit. Und Levje auch.

Ich sehe mir den Motor an. Prüfe den Ölstand. Kontrolliere, ob die Motorbilge trocken ist. Dann teste ich, ob alle Lichter funktionieren. Ich schalte das Dampferlicht ein, das Hecklicht und das rot-grüne Buglicht. Und zum Ablegen auch das Topplicht, damit ich weiß, woher der Wind weht. Ich starte den Motor, höre ihm einen Moment zu und ziehe mir die Schwimmweste an. Das habe ich mir zur Regel gemacht: wenn die Sonne weg ist, Schwimmweste an und Lifebelt tragen. Noch einmal um mich schauen, in der nachtschwarzen Marina. Dann nach oben. Dann mache ich zuerst die Heckleinen los, gehe nach vorne, ziehe uns an der Mooring etwa 10 Meter aus der Box Richtung Hafenmitte. So, dass Levje etwas Schwung hat und von allein ins Hafenbecken gleitet. Es ist besser, in der Box mit dem Gewirr an Grundleinen nicht mit dem Motor zu arbeiten. Dann gehe ich zurück in die Plicht, lege den Tuckergang ein. Und tuckere langsam ins Bacino, das Hafenbecken von Brindisi. Ein paar Fischer mit ihren flachen, ungedeckten Booten sind unterwegs, alle fahren nach draussen, drei, vier, fünf kleine Lichter auf dem Wasser, die durch die enge Zufahrt hinaus ziehen. Ich lasse Levje treiben, die Fischer holen wir später wieder ein, und räume Fender und Leinen auf. Das braucht Zeit. Bis alles seefest verstaut ist, 10 Minuten.

Dann sind wir soweit. Es geht los. Ich gehe auf 5 Knoten Geschwindigkeit, lege auf dem Autopiloten Kurs auf die Engstelle, die Ausfahrt aus dem inneren Hafen von Brindisi. Herrlich, so nachts allein unterwegs auf dem Boot. Ich sollte das öfter machen. Aber es schlaucht zu sehr, ich bin nach einer Nacht mit Nachtwachen zwei Tage nicht mehr zu gebrauchen. Es schafft einen. Drum lass ich's lieber und fahre lieber morgens so, dass ich abends im Hellen ankomme.

Langsam dämmert es, im Osten wird's heller. Wir gehen durch den großen Außenhafen von Brindisi, vorbei an den hell erleuchteten Containerschiffen. Außer den Fischern und uns ist keiner auf den Beinen. Wir erreichen die Mole, die große Außenmauer. Darüber wollte ich auch immer mal etwas schreiben: wie errichtet man eigentlich auf 23 Metern Wassertiefe eine Betonmauer? 

Gleich nach der Mauer wird's kabbelig und ungemütlich, wie immer. Der angekündigte Nordwest ist mit drei Beaufort da und erzeugt schon mal etwas Schwell auf die Küste zu. Schwell: das sind seitliche Wellen, die das Boot hin- und herwerfen. Ich setze die Fock, aber der Wind ist noch zu schwach. Also motoren wir, Kurs 125 Grad, erstmal parallel zur Küste.

Sobald die Sonne da ist, wird's auch gleich warm. Schwimmweste, Pullover, lange Hose, Socken: aus. Ich werde müde. Die See ist herrlich an diesem Morgen, die Weite, die Salzluft, die Wellen, die weit entfernte Küste. Der Wind nimmt langsam zu und dreht mehr auf Nord. Gegen 7 Uhr kann ich den Motor abstellen. Wir segeln unter Fock, knapp 5 Knoten. Das ist mir aber zu langsam, ich setze auch das Groß. Allerdings mit zweitem Reff, wer weiß. Dieser Raumschots-Kurs und bei dem Seegang, mal sachte anfangen. Aber es reicht. Levje spurt mit fünfeinhalb Knoten auf der Logge und über sechs Knoten am GPS. Keine Klagen. Das geht flotter, als ich dachte.

Was den Anblick der See angeht, kenne ich zwei Kategorien von Menschen: Solche, die sagen: "Langweilig. Da passiert ja nix." Und solche, für die das wie Kino ist. Ich gehöre zur letzteren Sorte. Die erste, die mich darauf aufmerksam machte, war Gudrun Caligaro, deutsche Einhandseglerin, die 1987-89 mit nur viermal anlegen auf einem 28 Fuß-Boot die Welt umrundete. In ihrem phantastischen Buch "Ein Traum wird wahr" schwärmt sie viele Seiten vom Anblick des Meeres. Sie hatte ihn auf ihrer längsten Etappe mehrere Monate. Tatsächlich ist das Meer ganz großes Kino. Ein Anblick, der nichts mehr vermissen läßt. Es ist, als ob eine innere Taste gedrückt wird auf: "Komplett entspannen." Ich muss kein Buch mehr lesen, keinen Film mehr sehen, keine Teile mehr für's Boot kaufen, mit nichts Unnützem die Zeit vertun. "Komplett entspannen." Einfach den Wellen zusehen.

Der Anblick des Meeres ist so, dass ich auf längeren Fahrten wie jetzt auf dem Boot herumwandere. Auch im Seegang gehe ich vor bis zum Want. Halte mich fest und schaue lange dem Vorsegel zu, wie es arbeitet. Oder gehe ans Vorstag, das ist dann wie Aufzug fahren, ein Auf und Ab in den Wellen, rauf und runter. Aber am gemütlichsten ist es bei Lage oben unter dem Großbaum. Da sitze ich und sehe den Frachtern zu, die uns langsam überholen. Es ist auch eine Fähre dabei, die ich kenne. Sie kommt aus Izmir, dem alten Smyrna. Ich habe sie oft vor Triest gesehen und ich rechne schnell nach, dass sie für die 500 Seemeilen von hier nach Triest noch ungefähr 24 Stunden brauchen wird. Immer gibt es irgendetwas zu sehen. Ein Trawler, der seine Arbeit macht. Eine Seeschwalbe, die das Boot umkurvt. Selten ein Delfin, der mitschwimmt. Ein Frachter, von dem ich weiß, wie es jetzt gerade auf der Brücke zugeht, weil ich zweimal mitgefahren bin auf einem Containerfrachter.

Bis Mittag sind wir im Schnitt mit fast sieben Knoten unterwegs. Das ist richtig schnell. Der Wind, aber auch der in der Adria herrschende Strom schieben mit. Alles passt. Nur die Müdigkeit macht etwas zu schaffen. Eine Viertelstunde die Augen zu, das wär's jetzt. Gegen eins dreht der Wind dann zurück auf Nordwest. Und er lässt langsam nach. Langsam. Dann mehr. Noch mehr. Bis mein Windmesser noch 4 Knoten Wind anzeigt bei viereinhalb Knoten Fahrt. Ich überlege. Motor starten? Und lasse mir Zeit mit meiner Entscheidung. Nach einer halben Stunde ist der Wind plötzlich wieder da mit 11 bis 14 Knoten scheinbarem Wind. Aber er kommt deutlich achterlicher, ich kann meinen Kurs von 125 Grad nicht mehr halten, muß auf 110 Grad, dann 100 Grad gehen - Kurs auf die albanische Küste und nicht mehr die nördlichsten griechischen Inseln. Ein bisschen kann ich "zwicken", aber die Gefahr einer Patenthalse in den Wellen ist zu groß, ich sichere den Großbaum zusätzlich zur Baumbremse mit einem Bullenstander. 

Othonoi kommt in Sicht. Obwohl Rod Heikell in seinem Handbuch schreibt, dass man die Insel oft erst aus ein, zwei Seemeilen Entfernung ausmachen könne im Dunst, sehe ich sie schon 35 Meilen vorher. Gegen 16 Uhr haben wir immer noch 17 Meilen vor uns. Die Fahrt wird immer schneller, die Wellen immer größer. Aber weil ich das Großsegel habe stehen lassen, sind wir fast so schnell wie die Wellen, die größer und größer werden. Es ist unglaublich. Sie heben, weil der Wind fast genau von hinten kommt, Levje nicht mehr zur Seite aus, sondern laufen genau unter ihr durch: Heben erst ihr Heck an (Bug nach unten). Rauschen dann gewaltig drunter durch. Heben dann den Bug an. Auf dem Video sieht man das sehr schön. Es ist unglaublich, wie mich dieses Schauspiel gefangen nimmt. Keine Angst. Obwohl ein querschlagen des Bootes wirklich blöde Folgen hätte.




Zwischen den Inseln Othonoi und Errikoussa nimmt der Wind dann vollends zu. Ich gehe mit Levje kurz in den Wind, öffne das Großfall, spurte nach vorn zum Mast und zerre das Groß herunter, das nicht fallen will, weil ich wegen der großen Wellen nicht im Wind bleiben kann. Danach renne ich wieder zurück ins Cockpit und falle unter Fock ab auf meinen alten Kurs. Als ich Othonoi südlich umrunde, gehen die Böen hoch auf 30, 35 Knoten. Reffen war eine gute Idee. Ich denke an meinen alten Segellehrer: "Reffen soll man dann, wenn man's erste Mal dran denkt." Der Düseneffekt am Kap. Levje läuft immer noch unter Fock, der Wind zerrt und rüttelt beängstigend an Tuch und Vorstag, wenn ich nicht sauber Kurs halte. Es pfeift. Gischt weht waagrecht übers Vordeck. Das kenne ich aus der Türkei, hab's aber erst einmal auf Levje erlebt. Sie hält unter Fock sauber Kurs. Selbst auf die kurze Strecke von der Insel baut sich schnell ablandiger Schwell auf. Meine Navigation auf dem Ipad zeigt ausserdem einige blöde Unterwasserfelsen an, also Vorsicht. Sauber navigieren. Die Müdigkeit ist jetzt wie weggeblasen.


Es ist kurz nach sieben. Die Sicht ist schlecht, weil der Hafen genau unter der untergehenden Sonne liegt. Ich blinzle aufs Wasser, sehe nichts, kann mich nur auf das Navionics auf dem Ipad verlassen. 



Aber alles klappt sauber. Ich umrunde die kritischen Stellen, dann sehe ich die Segelyachten in der Hafenbucht von Othonoi. Als ich nicht mehr Kurs halten kann, hole ich die knatternde Fock ein und starte den Motor. Der "Final Approach" beginnt. Ich habe den Wind jetzt direkt von Vorne und die Sonne auch, aber die wird gleich hinter den Bergen verschwinden. Der Wind aber bleibt. Er zerrt und rüttelt an allem, aber Levje schafft es erstaunlich locker, den Bug im Wind zu halten. Ich gebe mehr Gas. Vorsicht auf die Unterwasserklippe Yph. Aspri Petra, die vor der Einfahrt in die Hafenbucht liegt. "Bau jetzt bloß keinen Scheiß, ja." Aber ich bin erstaunlich ruhig und ganz klar. Erst mal an den Hafen ran. Dann kucken und den besten Ankerplatz finden. Dann den Anker werfen. Dann was Warmes kochen, Risotto mit Fisch und Wein vielleicht? Langsam robben wir uns durch den Starkwind an die Hafenbucht heran. Als ich die Hafenmole passiere, dreschen die Böen nicht mehr gar so auf uns ein. Ich drehe eine Runde um die ankernden Yachten, bis ich "meinen" Platz gefunden habe, renne nach vorne, mache den Anker klar zum Fallen. Ein letzter Aufschießer in den Wind, ran ans Heck einer belgischen Yacht, da sind Kinder auf dem Schlauchboot, also Manöver abbrechen, noch mal eine Runde drehen, Aufschießer ans Heck des Belgiers, aufstoppen, Anker fallen lassen, ungefähr 25 Meter Ankerkette raus auf 4 Meter, das sollte reichen bei 30 Knoten Böen. Wir laufen rückwärts, und - der Anker greift sofort. Und hält. Ich gebe rückwärts richtig Gas, aber er hält. Meine Peilmarken an Land "stehen". Motor aus. Es ist acht. Jetzt kochen. Dann Levje aufräumen nach dem Tumult. Unten siehts übel aus. Und dann: Gute Nacht!








Donnerstag, 3. Juli 2014

Der Mensch und seine Sachen: L9894.


Das hier ist L9894. L9894 ist das drittgrößte Kriegsschiff der italienischen Marine und heißt mit bürgerlichem Namen auch San Giusto, übersetzt: Heiliger Justus. Wie der Patron von Triest, dem Ort, an dem das Schiff gebaut wurde. Aber das ist nicht so wichtig. L9894 liegt in Brindisi im Hafen 50 Meter von Levje entfernt. 


Und L9894 weckt mich jedem Morgen mit diesem Geräusch. Es ist die Pfeife eines Bootsmanns. Sie sieht so aus. Aber was dieses Pfeifen bedeutet, dazu später.

L9894 wurde gebaut 1992 auf einer italienischen Werft. 1992: da war der Balkankrieg auf der anderen Adriaseite gerade ausgebrochen: Ein Bürgerkrieg, der letzten Endes einfach nur mehrfacher Völkermord war. Krieg: das ist heute nicht mehr der Zusammenprall großer Militärmächte mit großen Kalibern. Sondern "der regionale Konflikt". Und genau dafür wurde L9894 gebaut. Zwar hat auch sie noch eine Kanone auf dem Vordeck. Aber der Rest ist ungleich wichtiger: Platz für drei Hubschrauber auf dem Achterdeck. Schwere, stark motorisierte Beiboote an den Seiten. Kommunikationselektronik ohne Ende. Und eine schwere Heckklappe wie bei einer großen Autofähre, wer weiß, was da noch für Spielsachen zum Vorschein kommen, wenn man dranklopft. 

L9894 ist übrigens so gut im Internet mit Fotos dokumentiert, dass ich den Gedanken verwerfe, mal anzufragen, ob das Schiff den zu besichtigen sei. Einfach L9894 in die Suchmaschine eingeben, dann sieht man, wo sie schon überall war.

Als ich vor ihr stehe, bin ich von der Höhe ihres Bugs beeindruckt: damit kann man in JEDER Jahreszeit bei JEDEM Wetter JEDES Meer befahren. Auch die Meere, die für uns Menschen immer noch Terra Incognita sind: zum Beispiel alles südlich Australiens. Wir haben das jetzt erst wieder beim Verschwinden des Fluges MH370 bemerkt, der in diesen Breiten abgestürzt ist, wie wenig wir von diesen Meeren wissen. Und ich bin beeindruckt, dass ich mich mit Levje und Ihrer Bughöhe von 1,30 über dem Wasser zumindest hier auf das gleiche Meer hinauswage und dort herumtreibe.

Was es mit dem Pfeifen des Bootsmannes auf sich hat? Achten Sie bitte im folgenden Video auf den Mann ganz vorne am Bug des Schiffes.

Er holt zum Pfeifen des Bootsmannes die italienische Flagge ein. Danach folgt noch ein kurzer Triller des Bootsmannes. Und dann gehen auf L9894 auf einen Schlag über hundert Lichter an, wie auf einem Weihnachtsbaum. 

Auch Kriegsschiffe, zumal italienische, können poetisch sein. Wenn man sie lässt.





Mittwoch, 2. Juli 2014

Der Mensch und seine Sachen: Wie man sich eine Kathedrale verdient.Oder: Von der Einträglichkeit des Transportwesens

Weil der Mensch nun mal nicht bleiben kann, wo er ist, zieht er herum. Und weil es den meisten Menschen nicht reicht, nur mal eben um die Ecke Zigaretten holen zu gehen, wurden Ryan-Air und Lufthansa erfunden. Leute, die andere Leute für Geld woanders hinbringen, gab es aber auch schon im Mittelalter. Die Venezianer, zum Beispiel, und die waren darin ganz ausgebufft.

Nehmen wir als Beispiel den vierten Kreuzzug. Im Frühjahr des Jahres 1198 beschlossen ein paar Leute, ganz woanders hinzugehen. In diesem Fall nach Jerusalem, Sarazenen verhauen. Um die Transportmöglichkeiten von hier nach da zu besprechen, erschien im März 1201 eine Delegation des südfranzösischen Veranstalters in Venedig beim fast greisen, aber hellwachen Dogen Enrico Dandolo. Buchen war damals noch nicht so einfach und frei von finanziellen Nachteilen, wie das heute so ist, mit einem Klick. Die Verhandlungen dauerten eine Woche, aber danach einigte man sich: Venedig würde bis Sommer 1202 die Schiffe für den Transport von 4.500 Rittern samt Pferden, 9.000 Knappen und 20.000 Mann Fußvolk stellen. Dafür sollten die Reisenden den Venezianern 85.000 Silbermark bezahlen. Das klingt nicht viel, war aber vergleichsweise das Doppelte dessen, was der König von Frankreich an Einnahmen pro Jahr hatte. Zusätzlich verständigte man sich, den Venezianern für ihre Transportleistung die Hälfte aller eroberten Gebiete zu übergeben. Die Delegation war's zufrieden, die Venezianer legten los.

Wie so oft im geschäftlichen Leben zeigt sich, dass unzeitige Euphorie ein schlechter Ratgeber ist, wenn es um Planung und Mengen geht. Statt der verhandelten 35.000 Reiselustigen erschienen im Sommer des Jahres 1202 an der Lagune nur 10.000. Und die Kollekte unter ihnen brachte auch gerade mal nur 41.000 Silbermark statt der ausgehandelten 85.000 zusammen. Doch Enrico Dandolo hatte eine Lösung: Wenn die Herren unentgeltlich im Vorbeifahren bei der Rückeroberung des gerade abtrünnigen Zadar im heutigen Kroatien mithelfen würden: dann, ja dann könne man den fehlenden Betrag einstweilen stunden.

Man verstand sich prächtig. Zara, wie Zadar damals hieß, war für die reisenden Glaubenskrieger ein "Trainingscamp", ein großer Spaß - für alle anderen ein Massaker. Und weil in Byzanz gerade Thronwirren herrschten und ein byzantinischer Kronprätendent den fatalen Fehler beging, die Reisenden um ihre Hilfe zu ersuchen, beschlossen diese, doch 1204 einen kleinen Umweg über den Bosporus zu machen. Und dort nach dem Rechten zu sehen.

Die Beute war unermesslich. Arne Karsten, dessen hervorragendem Buch "Eine kleine Geschichte Venedigs" (C.H.Beck) ich die Details verdanke, schreibt, dass man die Beute trotz aller Zerstörung, Plünderung, Verwüstung auf über 400.000 Silbermark schätzte. Die Plünderung und Zerstörung einer christlichen Hauptstadt, das Rauben und Morden waren so unfassbar, dass die offizielle venezianische Geschichtsdarstellung, sonst mit Mythenbildung schnell bei der Hand, etwa 400 Jahre brauchte, ehe sie auf das Ereignis einging. Man schämte sich. Und verdiente prächtig. Und wer beim nächsten Venedig-Besuch die vier Pferde auf dem Markusdom sieht: der bedenke, dass einem heute noch der Führer in Istanbul im Hippodrom die Stelle zeigt, wo die Pferde ursprünglich standen. Bevor die Venezianer sie als Trophäe heimbrachten.

Aber nicht allein Venedig machte ein gutes Geschäft mit gläubigen Reisenden. Das eigentliche Transportwesen für die einträgliche Strecke nach Jerusalem leisteten über mehrere Jahrhunderte vorwiegend Trani und Bari. Und Brindisi und Otranto. Und ein sichtbares Ergebnis dieses unglaublichen prosperierenden Geschäftes mit dem Transport ist die Kathedrale von Trani.