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Dienstag, 28. Februar 2017

Segeln im Winter (5): Venedig. Carnevale. Die Masken.








Ob denn der Carnevale in Venedig genauso fröhlich ist wie der Rheinländische? Er kann so sein. Wo die Menschen aus der Stadt sich auf der Straße zum Feiern treffen wie in Castello oder Sant'Elena, ist es laut und wird auf den Straßen getanzt. Die Regel ist das in Venedig dennoch nicht.

Aber ich bin nicht vor wenigen Tagen auf LEVJE neun Stunden über die neblige Adria motort, um zu schunkeln. Nein. Ich bin da wegen der Masken. 



Und welcher Teufel mich da geritten hat, weiß ich nicht. Schließlich bin ich erstens Faschingshasser, weil ich zweitens denke, dass unser Leben tagtäglich genug Kostümierung, Verstellung, Verkleidung enthält. Welchen Sinn macht es, sich zu verkleiden, wenn man eh das ganze Jahr sich mit allerlei Attributen behängt, wie man denn so eigentlich wahrgenommen werden möchte. 



Doch ich täuschte mich, wenn ich dachte, Verkleiden wäre spießig und bar jeden Reizes. Natürlich gibt es hier in den Straßen auch die Darth Vaders, die Prinzessin Lejas und Teile aus der Sesamstraße. Auch schleichen manche Zeitgenossen immer noch als Scheich ganz in weiß gewandet auf die Piazza San Marco. Aber sollten sie da auf einen Preis spekuliert haben: Sind sie hoffnungslos abgeschlagen.

Denn was hier an Masken und Verkleidung und Schminke aufgefahren wird, ist es echtes "So-noch-nie-gesehen".



Ob das einfach nur die geniale Rokoko-Replica mit perfekter Attitüde des alternden venezianischen Conte ist oder...



... einfach nur funkelnd die Gesandtschaft aus Konstantinopel imitiert: Es ist perfekt.

Die Kostüme, die Maskierten bewegen sich einfach durch die Menge. Nicht Laufsteg. Nicht Umzug. Man geht einfach nach San Marco - und dort und drumherum sind sie. Die schönsten Kostüme. Ich stehe einfach. Und staune. Vielleicht war das so, im Venedig des 14. Jahrhunderts, wenn ...



... plötzlich jemand hier ankam, der aussah, als käme er von einem anderen Stern und wäre das Fünfte Element. 

Und gerade hier wird es spannend, wenn es weg vom historisch Exakten in den Bereich geht, der zwischen "Historisch" und "Phantastisch" liegt.



Die Masken. Ich gebe gern zu, dass viele von ihnen mir nahegehen. Das Unbewegliche. Das Starre. Ich erinnere mich an die silberne Maske des römischen Reiteroffiziers, die man auf dem Gelände von Kalkriese fand. Eine aus silber getriebene Maske, vollkommen ohne Regung. Wir sind darauf angewiesen, zu kommunizieren und während der Kommunikation stets unser Gegenüber einschätzen zu können...



Und was, wenn dies wegfällt? Wenn wir keine Regung mehr ablesen können an einem Gesicht? Dann sind wir auf uns allein gestellt. So wie nachts allein in einem verlassenen Park.



Wer sich hinter den Masken verbirgt? Das ist schwer zu sagen. Es sind nicht nur Italiener, im Gegenteil. Belausche ich die Masken, wenn sie sich unterhalten, sind Engländer, Franzosen, auch Deutsche darunter. Ich vermute, Menschen mit Passion. Menschen, die sich einzig und allein auf dieses Event vorbereiten, ein Jahr lang.



Aber so ganz durchschaut man das Spiel nicht. Sind es Menschen, die einfach nur ihrer Passion folgen und einmal im Jahr wie die Zugvögel zu diesem Event nach Venedig ziehen? Sind es Menschen, ausgestattet von professionellen Kostümbildnern? Venedig ist in diesen Dingen allen anderen Städten, was lautlose Selbstvermarktung angeht, turmhoch überlegen. Wo sonst gibt es eine Stadt, die sich eine mehrere Mann starke Abteilung hält, die jedem Hollywood-Filmemacher kostenlos beratend zur Seite steht, damit auch der nächste und übernächste Blockbuster irgendeinen Take in einer tollen Location Venedigs enthält? Die wiederum den Jo's und John's und Cho's und Pam's klar macht: Dass man genau hierhin muss, an diesen Punkt der Welt, eine Woche.



Ohne weiteres ist der Cleverness der Stadt zuzutrauen, dass sie die Kostüme besorgt und Statisten ausstattet. Und so für wenig Geld dafür sorgt, dass Handys und Selfies mit den Kostümen wiederum kostenlos auf die Handys der Jo's und John's und Cho's und Pam's in aller Welt kommen.



Aber das macht nichts. Perfektion begeistert. Und die Masken sind perfekt. So perfekt, dass ich mich eben erschrak, als ich um elf über den nächtlichen Markusplatz ging und auf vier in dunkle Umhänge gewandete Gestalten stieß. Sie schlichen unter den Säulen des Dogenpalastes entlang. Eine kleine, offensichtlich alte Frau am Arm eines anderen, langsam hinkend. Zwei andere hinterher. Alle unter schwarzen Umhängen. Die Gesichter unter undurchdringlichen weißen Masken verborgen.


Was würde ich tun, wenn ich sie nicht um elf Uhr Nachts in San Marco träfe, sondern eine halbe Stunde später im einsamen Bienale-Park, der so leer ist, als wäre nicht Rosenmontag, sondern 17. Januar? Wohin mein Weg mich gleich führen wird, denn ich will nach Sant'Elenea, zum Hafen im Osten. Würde ich dann - wie jetzt auch - routiniert auf die Knie gehen, um ein Foto der vier langsam schreitenden Gestalten zu schießen?

Ich bedankte mich bei den Vieren mit einem höflichen "Grazie". Ihre Antwort war gekonnt: Vier weiße Masken, die lautlos wie ein Ballett aus ihren schwarzen Umhängen heraus im Gleichtakt nickten. Und mit ihren Stöcken weiter Richtung Campanile klapperten.

Perfekt. Wie gesagt.
Oder war das vielleicht gar kein Spiel?


















































Montag, 2. Januar 2017

Segeln im Winter (3): Von Jesolo nach Venedig. Von Frauen und Kälte.

Im Folgenden eine Beschreibung, wie es ist, 
mal zwischen Dezember und Januar auf der Nordadria
unterwegs zu sein, zwischen Triest und Venedig.


Schon im Sommer kann der Verkehr in Venedig auf dem Wasser für einen Segler stressig sein. Doch jetzt, am 2. Januar, ist alles, wie es auch im Sommer ist. Wassertaxis, die rasant schneiden. Vaporetti, die manndeckend wie Fußballspieler auf Körperkontakt nahe kommen. Lastkähne, die queren. Autofähren vom Lido, die auf der Giudecca heranziehen. Venedig auf einem Segelboot: Das Wasser brodelt, ist so aufgewühlt, dass selbst die siebeneinhalb Tonnen von LEVJE II davon beeindruckt sind und ins Schwanken kommen.

Doch berichten wir der Reihe nach. Im gestrigen Post schrieb ich über unseren ersten Seetag: Dass Nacht und Kälte so schnell über uns hereinbrachen, dass ich beschloss, vor dem Strand von Jesolo an der offenen Küste im Dunkel zu ankern. Was insofern ein Wagestück war, weil keine 60 Kilometer südlich für die Nacht Südwest 4-5 angesagt war. Ich schlief mit offenen Ohren und alle zwei Stunden wach, erwartend, vom Stampfen des Schiffes in einem auffrischenden Libeccio geweckt zu werden. Aber nichts geschah. Nur Morgens wurde es trotz Heizung kühl an Bord. Die Temperatur schien gegen Morgen unter Null gefallen zu sein.



Jesolo beim Aufwachen vom Meer aus gesehen: Ein Anblick wie ein abstraktes Gemälde. Menschenleere Appartmenthäuser, die den Betrachter anblicken wie gelangweilte Gesichter, die das Getriebe der Menschen leid und ledig sind und sich jede Nacht den Überdruss erzählen. Aber vielleicht ist den Gesichtern der Menschen Tun und Treiben auch egal. Oder nicht mal das. Kein Licht Nachts. Kein Mensch am Tag. Jesolo. Was könnte man schon für eine schönere Geschichte erzählen. Über den Menschen und seine Sachen, die er so in die Welt stellt.



Kommen wir nun zu einem anderen Thema, das Segeln im Januar im nördlichen Mittelmeer so mit sich bringt. Die Kälte. Und wie Frau damit umgeht. Nicht dass ich dächte, dass Mann und Frau - was Kälte angeht - grundsätzlich von Gott unterschiedlich geschaffen wären. Nein. Aber meine Frau ist, was Kälte angeht, wenig kompromissbereit. Aber sie liebt nun mal das Meer, weniger das Segeln, aber kalt geht gar nicht. Überhaupt gar nicht. Kalt? Macht man einfach nicht.

Wir machten halt doch. Und haben für unser Wintersegel-Experiment eingepackt, was einzupacken uns möglich war. Und gerne gebe ich die Liste weiter für alle, die ähnliche Vergnügen wie das Wintersegeln anstreben:

Drei Garnituren Ski-Unterwäsche. (Trägt Katrin. Sieht man aber - fast - nicht.)
Thermohose.
Die guten Seestiefel (Ich habe vor Jahren wirklich lange gerungen, ob ich die 200-250 Euro ausgeben soll. Ich muss nun nach fünf Wintern zugeben: Sie sind jeden Cent wert. Ohne im Winter auf dem Meer gar nicht. Sie sind ein Vergnügen,)
Ski-Handschuhe (2 Paar)
3 Pullover. Fleece. Wolle.
Die vor einem Jahrzehnt bei AMERICAN AIRLINES geklaute federleichte bulligwarme Fleece-Decke.



Ach ja. Und eine Skibrille. Denn wie man weiß, ist vor allem die Sache mit dem "Wind Chill Factor" ausschlaggebend. Und die geht so: Das Thermometer unter der Sprayhood zeigt 14 Grad. Eigentlich frühlingshaft. Kaum dass wir beim Lido nach Venedig eingedreht sind, kommt der Wind voll von vorn. Und fühlt sich schneidend kalt an. Die Augen tränen. Sicht nur mehr eingeschränkt möglich.

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Am 1. Januar 2016 erschienen: Was man übers Segeln in Sizilien wissen muss:



Im Sommer 2016 umsegelte ich auf LEVJE Sizilien.
Dies ist der Reisebericht. Und die Beschreibung eines Segelsommers 
und einer Reise um eine Insel, die ihresgleichen sucht.
Mit Anhang für Segler mit "Do's & Don'ts", Häfen, Marinas, Internet.

JETZT als erschienen als PRINT oder als EBook ab € 9,99

sowie in jeder Buchhandlung oder bei AMAZON.
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Aber weil die Einfahrt nach Venedig ja nun mal wirklich zum schönsten gehört, was man einem Menschen, der das Meer liebt, schenken kann, ist die Kälte eigentlich an diesem Tag - ein wohliger Bestandteil des Ganzen. Sie ist unzweifelhaft da. Die Augen brennen, Die Hände sind kalt. Sie ist Bestandteil unserer Reise. Es ist irgendwie stimmig. Der Winter, der späte Herbst, sie sind nun mal die beste Reisezeit. Wenn die Gesichter von Jesolo zu den Gesichtern zu Jesolo werden. Wenn die Welt wieder sich selbst überlassen ist. Wenn nur ein paar Fischer in wattierten Jacken draussen sind.



Wenn das Licht über Venedig milchig wird. Und die Brücken in der Stadt noch federleichter aussehen. Und wenn: Venedig still und leise seinen eigenen Gang geht. Jedenfalls in den östlichsten beiden Stadtvierteln in Sant' Elena und in Castello. Immer wieder zieht es mich hierher - was einerseits taktische Überlegungen hat: Hier gibt es gleich zwei Marinas. Und man ist zu Fuß in zwanzig Minuten bei San Marco.

Aber das Taktische erklärt den Zauber von Castello und Sant'Elena nur teilweise.




In Sant'Elena leben die einfachen Leute. Es ist das Viertel der Handwerker, der Mechaniker, der nautischen Werkstätten, der ACTV-Werften und der Lastkahn-Steuerer. Sant'Elena ist irgendwie normal, bescheiden, ja mehr als das. Jedes Mal, wenn ich hierher komme, ist der Gang durchs Viertel für mich Balsam auf die Seele. Es ist heilsam. Beruhigend. Nichts Schreiendes stürzt sich ins Auge. Nie war Sant'Elena so wertvoll wie heute. Weite Gassen, durch die ein paar Schulkinder laufen, rechtwinklig angelegt, dass ich denke: Was für ein Vergnügen das für die Kinder sein muss, um die Häuser herum Verstecken zu spielen.




Zur Normalität von Sant'Elena kommt noch hinzu, dass heute, am 2. Januar offensichtlich die Frauen von Sant'Elena sich zu einem Waschtag verabredet haben. Der Kälte trotzend, hängt im ganzen Viertel die Wäsche über den Straßen. Kaum Menschen. Aber dafür Wäsche zum Trocknen, die schlapp im Wind wedelt. Ein Anblick, der mich an meine Kindheit erinnert,



Was beileibe nicht bedeutet, dass Sant'Elena und Castello nur bei frischgewaschener Wäsche punkten. Es strotzt vor stillen pittoresken Winkeln wie dem einstigen Kreuzgang von San Pietro di Castello, die Jahrhunderte der eigentliche Dom von Venedig war, als der Markusdom ausschließlich "Regierungskirche" war. Dass hier einmal das große Leben war, erzählt der alte Kreuzgang. Geschichte ist, wenn Dinge sich selbst überlassen werden, einen Augenblick, und nicht im Dienst von irgendwas und irgendwem stehen, sondern einfach nur sich selber gehören.



Und so endet unser Spaziergang durch den Osten Venedigs, als das Licht schwächer wird und schwächer. Und die Kälte des frühen Abends durch die vielen Kleidungsstücke dringt. Und in den Gassen von Castello das Leuchten des Tages erlischt und nur noch in der Ferne über der Giudecca die Kuppeln Santa Maria delle Salute einen Hauch davon bewahrten.

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Am 1. Januar 2016 erschienen: Mein neues Buch über Sizilien.
Ich freue mich, wenn Sie mehr von MARE PIU lesen wollen:



Im Sommer 2016 umsegelte ich auf LEVJE Sizilien.
Dies ist der Reisebericht. Und die Beschreibung eines Segelsommers 
um eine widerspenstige Schöne. Und eine Insel, die ihresgleichen sucht.
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Sonntag, 27. November 2016

Segeln im Winter (1): Unterwegs nach Venedig.

In dieser Reihe von Posts schreibe ich 
über das Unterwegssein auf dem Meer in diesem Winter. 
Von Orten und Begegnungen auf meiner Winterreise unter Segeln.



Im November, auf dem Weg nach Venedig. Es ist kalt auf LEVJE, windstill. Und es wird Abend. Tagsüber hatte das Wasser die Farbe von tiefem Graugrünblau, ein Farbton, den ich über alles liebe. Am Himmel wich das Grau den Tag über nicht. Aber jetzt am Abend werden sich die Farben ähnlicher und ähnlicher: Seit über einer Stunde verheiratet sich der Himmel mit dem Meer. Sie werden eins. Nuance für Nuance gleichen sich Himmel und Meer in ihrem Aussehen einander an, am Horizont sind sie fast schon verschmolzen. Alles um mich ist in milden Pastelltönen. Ein zartes Graugrünblau des Meeres vor mir. Und neben mir. Ein zartes helles Graublau über mir. Ein heller Oranger Fleck irgendwo in den Wolken, dort wo vor einer Viertelstunde noch Sonne war und nicht mehr ist. Ein Fleck, der schwächer wird und schwächer, bis er verblasst im schwindenden Licht. Die Farben des Himmels und des Meeres, sie nähern sich einander an in dieser Dämmerung, solange, bis das Licht der Nacht gewichen ist. Nacht ist, wenn Meer und Himmel die gleiche Farbe angenommen haben.


Das Graugrünblau der nördlichen Adria um mich. Es gibt ihn nicht überall auf den Meeren der Welt, diesen speziellen Farbton, im Gegenteil. Er ist wie eine rare Schönheit. Er zeigt sich nur dort, wo viele Flüsse und Bäche aus Gebirgen bestimmte Sorten Gesteinsmehl und Sediment ins Meer tragen. Den Farbton: ihn gibt es hier, wo das Meer vor der Küste des Veneto endet und Isonzo, Piave und Tagliamento münden. Es gibt ihn im Südosten vor dem Gargano. Und im Süden Siziliens. 

Dies ist mir die liebste Stunde des Tages. Die Stunde, in der ich ruhig werde, ganz ruhig, wo sich nach einem solchen Tag wohlig Stille und Weite in mir ausbreiten.

Ich bin heute Mittag auf meinem neuen Schiff ausgelaufen. Wie mein erstes Schiff habe ich sie LEVJE getauft. LEVJE II einfach. Ein paar Wochen lagen die beiden Schiffe in stiller Eintracht nebeneinander auf dem Werksgelände der CANTIERE DI SAN GIORGIO. Ein paar Wochen, in denen sich die beiden Schiffe Geschichten erzählten. Über die Menschen, die ihre Eigner waren, ihren Marotten, ihre Vorlieben. Sich gegenseitig etwas zuknarzten auf den Pallböcken, von Meeren und vielleicht auch von zu starker Spannung im Rigg. Aber vor fünf Tagen war dann Schluss mit trauter Zweisamkeit. LEVJE II kam ins Wasser. LEVJE I blieb an Land. Ich packte Kisten. Räumte sie leer. Und zog um.

Nach fünf Tagen Kisten schleppen - man glaubt es kaum, was sich in einem Boot ansammelt, wenn man drei Jahre darauf lebt. Spuren eines Daseins, Relikte, irgendwas - legte ich heute Morgen gegen elf mit LEVJE II ab. Fuhr den langen Kanal durch die Lagunen hinaus. Zum ersten Mal auf meinem neuen Schiff unterwegs. LEVJE II ist ja keine neues Schiff, sie hat 16 Jahre auf dem Buckel, ein Mann aus dem Salzburgischen nutzte sie für Urlaubstörns nach Kroatien, bis er sich neu verliebte. Und die neue Frau das Schiff nicht mochte. LEVJE II stand zwei Jahre ungenutzt auf dem Werftgelände, niemand hauste auf ihr außer den dicken Stinkwanzen, die sich im hohen Sommer durchs Gras zwischen den Industrieanlagen herüber schlichen und sich jetzt in der Novemberkälte in jeder noch so kleinen Ritze auf LEVJE's Deck in kleinen Rudeln verkriechen. Mit einem Schiff, das solange nicht gesegelt ist, hinauszugehen, ist eine Mutprobe. Wie ein Sprung von einem Zehn-Meter-Brett. Ich bin allein an Bord. Was, wenn irgendetwas kaputt geht? 


Am Ufer gehen die ersten Lichter an. Ich laufe mit meinem Schiff die Küste entlang. Erst sind die Lichter der Uferstraßen nur schwach erkennbar. Sie sind eingebettet in das Graublau des Himmels. Links von mir im Dämmer zieht draußen auf dem Meer etwas Schnelles vorbei und geht vor meinem Bug durch. Ein Fischer, der mit seinem schnellen Gommone dem Hafen von Santa Margherita/Caorle zustrebt. Caorle. Im Sommer: Strandliege reiht sich an Strandliege, Ombrellone an Ombrellone. Caorle jetzt: Der lange Sandstrand gehört den wenigen, die es um diese Stunde hinaustreibt, barfuß durch den schweren Sand zu treten, eine lange Wanderung zu unternehmen.

Die Lichter am Land werden greller. Sind schärfer konturiert. Von der Sonne ist nichts geblieben als der leuchtend oranger Fleck am Himmel und sein Abbild auf dem riesigen Spiegel, auf dem ich mit LEVJE unterwegs bin.

Am Nachmittag gab es Schwierigkeiten. Bei Kontrolle der Instrumente stellte ich fest, dass sich der Zeiger der Tankuhr nicht bewegte. Nach vier Stunden strammer Fahrt unter Motor sollte er das. Er sollte anzeigen, dass nun eben weniger Diesel im Tank ist. Aber das tat er nicht. Er zeigte beständig „Dreiviertel voll“ an. Ich wurde nervös. Wieviel war denn nun wirklich im Tank? 150 Liter? 90 Liter? Oder sog der gierig saufende Motor gerade in diesem Augenblick den letzten halben Liter Brennstoff in sich hinein, um gleich hustend, würgend abzusterben? Und mich an diesem windlosen Tag einfach vor der Küste auf dem Meer liegen zu lassen, wo es uns eben in der grenzenlosen Weite des Graugrünblau hingetragen hatte?

Ich dachte einen Moment nach. Ich ließ LEVJE einfach unter Motor weiterlaufen. Nahm noch einmal einen Blick ins weite Rund. Alles ringsum frei. Kein Frachter in Sicht, der auf uns zuhält, kein riesiger treibender Baumstamm, der den Propeller beschädigen könnte. Dann ging ich nach unten, in meine Kajüte nach achtern. Räumte das Bett beiseite, suchte mir Werkzeug, einen Schraubenzieher, für das, was ich vorhatte. Ein Boot ist niemals perfekt, es ist etwas fundamental anderes als ein Auto, das uns glauben macht, ES wäre perfekt. ALLES wäre perfekt. Wenn wir ein Auto kaufen, kaufen wir nicht etwas, um von A nach B zu gelangen, nein. In der Sekunde, in der wir uns für ein Auto entscheiden, kaufen wir auch den Traum, ES wäre perfekt. Und unser Leben gleich mit dazu. Im Gegensatz dazu ist ein Boot immer im-perfekt. Irgendwas ist immer kaputt, irgendwas erinnert immer an das Imperfekte unseres Daseins. Meist fragt sich bloß, was als nächstes kaputtgeht. Heute also: Die Tankuhr. Der Tank ist unter meinem Bett eingebaut, ein dickwandiges Edelstahlteil. Wie alles, was die kleine Werft verbaut, die LEVJE II an einem kleinen See bei Salzburg zusammenbaute, ist auch der Tank solide und überdimensioniert. Nacheinander drehe ich an den fünf Schrauben. Da war schon öfter jemand vor mir dran, die Schlitze sind angefressen, die Kupferringe darunter zernagt und zerkaut. Der defekte Fühler im Tank ist also kein neues Problem. Ich löse die Schrauben, eine nach der anderen. Dann sollte sich eigentlich der Tankgeber herausziehen lassen. Ein langes Termometer wie das, was man früher zum Einkochen von Obst und Marmelade verwendete. Tut er aber nicht. Das ist die zweite einfache Wahrheit auf einem Boot. Alles, was jahrelang auf dem Meer unterwegs ist, ist schwer aufzukriegen. Und zu lösen. Die Dinge leisten Widerstand. Muttern, die rostend korrodieren. Schrauben in Alu, die mit der Umwelt galvanisieren. Dichtungsgummis auf Stahl, die vulkanisieren. Alles leistet Widerstand. Teile, die nicht zusammengehören, die durch jahrelanges Aufeinander-Gepresstsein ihre Trennung trotzig aufgegeben haben und sagen: „Na gut. Wenn ihr nicht anders wollt: Dann verkleb’ ich mich halt.“ 

Mein Tankgeber ist von der letzteren Sorte. Er wehrt sich. Eineinhalb Jahrzehnte reichten, um sich mit dem Edelstahl zu verkleben. Er lässt sich nicht lösen. Ich gehe kurz nach oben, noch einmal einen Rundblick zu nehmen, ob ringsum alles frei ist. Und wir nicht in der Dämmerung auf ein ankernden Frachter oder in eine unbeleuchtet auf dem Meer wogende Muschelzucht zulaufen. Aber auch, um kurz Nachzudenken über das klemmende Teil. Ein Boot zwingt zum Nachdenken, wie man dem Problem beikommt, etwas zu lösen. Wie man seine Kraft planvoll einsetzt, statt mit instinktiv angewendeter Gewalt schaden anzurichten, etwas zu zerstören. Mein Tankgeber zickt. Ich wackle hier, ich wackle da. Ich versuche, mit der Kraft meiner Finger das zarte Kunststoffteil in Drehung zu versetzen. Nach einigem Hin und her geht er dann doch auf. Vor mir unter meinem Bett gähnt die Öffnung, in der weit unten in der Schwärze Diesel schwappt, während LEVJEs Motor ihre siebeneinhalb Tonnen weiter durch die unbewegte See schiebt. Ich ziehe an dem dieseltriefenden Teil, Geruch von Heizöl verbreitet sich in meiner Schlafkammer. Ich ziehe weiter an dem Teil, soweit das durch die schmale Öffnung eben geht, versuche die Wippe an dessen unterem Ende zu bewegen. Na bitte. Bewegt sich doch. Ich stecke das Teil zur Kontrolle in die Öffnung - und tatsächlich: Nun zeigt die Tankuhr etwas weniger Diesel an. Aber nur ein klein wenig. Bis Venedig schaffen wir es also heute allemal noch. Ich schraube alles wieder zusammen - doch nicht ohne die Übung zweimal zu absolvieren. Wieder einmal habe ich mir nicht gemerkt, wie die Teile vorher zusammengehörten. Blöd. Wer im Leben etwas zerlegt, sollte sich vorher genau ansehen und merken, wie es vorher im richtigen Zustand aussah. Es ist schwierig, im Leben wieder Dinge so zusammenzubekommen, wie sie einmal waren.

Ich gehe wieder nach oben ins Cockpit, das auf Italienisch „Pozzetto“, „großer Brunnen“ heißt. Das Cock-Pit. Die Hahnenkampf-Grube. Selbstironisch auf Flugzeugen und Schiffen benannt nach dem Ort, wo Gockel miteinander kämpfen. „Pozzetto“ ist da schon angenehmer, es scheint mir passender, wo es doch auf dem Boot eines Einhandseglers keinen anderen Gockel gibt als den in mir selbst, den einzigen, mit dessen Unzulänglichkeiten ich beständig zu kämpfen habe. Es ist nun dunkel um mich herum. Kälte kommt nun schlagartig und beißt hinein, wo ich nur dünne Kleidung trage. Ich versuche, nicht darauf zu achten, mich weiter auf die Schönheit der Welt hier draußen zu konzentrieren. Aber von nun an wiederholt mein Gehirn jede halbe Minute, dass es Zeit ist, unter Deck zu gehen, wärmere Sachen aus dem Schrank zu holen. Weit voraus sehe ich die Lichter, die die Einfahrt in die Lagune von Venedig markieren, durch den Porto di Lido. Blinkende rote Lichter links. Ein blinkendes grünes Licht rechts. Ein langer weißer Blink genau vom Leuchtturm, der weit auf einer Mole von der langen Sandzunge der Punta Sabbioni ins Meer hinausragt. Ein alle 12 Sekunden wiederkehrendes weißes Licht, ettliche Sekunden lang, das bei Nebel auch in die Schwärze der Nacht tutet. „Bliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiink“, und dann wieder Dunkelheit. Ich bin allein auf dem Meer unterwegs, niemand sonst, so weit ich schauen kann. Nicht dass ich Angst hätte, alles ist ruhig, der Motor tut brummend seine Arbeit. Nichts in der Einsamkeit einer rabenschwarzen Nacht auf dem Meer ist tröstlicher als der Lichtstrahl eines Leuchtturms fünfzig Kilometer entfernt. Es ist, als würde jemand an mich denken, wenn mich der Lichtstrahl erreicht. Der Blink eines Leuchtturms, er wärmt. Du bist nicht allein. 

Eben habe ich noch mit der Marina von Sant’ Elena im Osten Venedigs telefoniert, der Hafen, den ich ansteuere, wo ich in einer Stunde einlaufen will, in der Dunkelheit. Ein Marinaio war dran, Alessio, eine Stimme, die mir ungefragt erklärte, vor dem Hafen sei alles ruhig, kein Wind. „Fida ti“, sagt die Stimme in jenem eigentümlichen Italienisch des Nordens ungefragt, „Vertrau' mir“. Alessio scheint sich mit Booten und denen, die auf ihnen unterwegs sind, auszukennen. Er scheint um Schönheit und Schrecken ihrer Einsamkeit auf dem Schiff zu wissen. Und darum, dass ein bisschen Wärme keinem Seemann schaden kann. Ich liebe die Einsamkeit hier draußen, kein Schiff weit und breit, ich bin ein kleines Wesen, verloren und geborgen zugleich in der Weite des anderen Konitnents, der da „Meer“ heißt. Und doch ist das blinkende Licht eines Leuchtturms, die Stimme eines Marinaio in einem Hafen etwas ungeheuer Beruhigendes, Nähe und menschliche Wärme mitten in der Weite dieser anderen Welt, durch deren Dunkel ich mein Schiff und mich bewege.

Wir passieren das große MOSE-Sperrwerk, das Venedig vor den winterlichen Fluten aus dem Süden schützen soll. Die Fluten in Venedig: Noch sind sie ein jahreszeitliches Phänomen und haben wenig mit ansteigenden Meeresspiegeln zu tun. Wie immer entstehen Katastrophen, wenn ein paar Dinge zusammenkommen: Starker Wind aus Süd, der das Wasser die 1.000 Kilometer die Adria hinauf wie auf einer engen Kegelbahn nach Norden gegen das Ufer drückt. Und dort, wo es nicht mehr weiter kann, ansteigen lässt. Der Wind aus Süd, ein Scirocco, ein Libeccio, der tagelangen Regen bringt und die Flüsse in und um die Lagune schwellen lässt. Die Tide, die um die Zeit des Vollmonds das Wasser noch einmal anzieht und steigen lässt. Dagegen also will Venedig sich durch die gewaltigen MOSE-Sperren schützen, ein monströses betönernes Bauwerk, auf dem ich die wenigen Male, die ich nach Venedig segelte, nie Menschen arbeiten, es fertigstellen sah. Nur Fischer treiben sich mit Vorliebe unmittelbar vor den künstlichen Klippen herum. Ein verlassener Kran, taghell erleuchtet. Riesige Betonwände, die in der Kälte hinunterreichen auf 13, 14 Meter unter mir, wo der Meeresboden, wo Sand und Schlick der Lagune beginnen. Wer weiß, wie weit die Fundamente hinunterreichen? Über Wasser erheben sich die Wände wieder knapp zehn Meter, vor der vom Baukran hell erleuchteten grauen Wand hantiert ein Fischer im Dunkel mit dem Netz, sein Körper, seine Bewegungen werfen ein Schattenspiel übermannshoch auf den Beton wie auf eine Kinoleinwand, ein Riese, der da auf der grauen Betonwand in der Nacht sein Unwesen treibt.

Die Einfahrt: Ein langer Kanal blinkender Lichter, ein rotes Lichterkonzert markiert die linke Seite, des Fahrwassers, grüne Lichter die rechte. LEVJE gleitet weiter ins Dunkel der blinkenden Lichter hinein. Wir sind jetzt kurz vor der Abzweigung nach Links, die engste Stelle der Zufahrt nach Venedig, von der Festung San Andrea bewacht. Holzpfähle im Wasser vor den einstigen Scharten der Kannonen. Ein Vaporetto, der wie ein zorniges Insekt aus der Engstelle vor LEVJE’s Bug schießt. Die Ansteuerung eines Liegeplatzes in lichtloser Nacht, die Kunst, im Dunkel an einen schützenden Hafen zu finden, an dem man vorher niemals war, erscheint jedem Außenstehenden wie Magie und Hexenwerk. Wie schafft man das bloß, aus einer weiten, wirren Ansammlung am Ufer blinkender Lichter eine gerade mal zehn Meter messende Lücke zu finden, durch die man den Hafen erreicht? Das, was für Außenstehende Hexenwerk ist, ist mittlerweile Kinderspiel. Ein vierjähriges Kind auf seinem iPAD könnte es. Alles was man braucht, ist eben ein Smartphone oder iPAD. Und eine Software darauf, die 30 Euro kostet. Eine Navigationssoftware. Bevor man los fährt, tippt man mit dem Finger auf irgendeinen Punkt auf der elektronischen Karte, den Startpunkt. Dann tippt man auf den Punkt, mitten in der Insellandschaft der Lagunen, den man ansteuern möchte. Die Software errechnet den sichersten und schnellsten Weg. Um Hafenmolen und Spundwände herum, durch enge Kanäle und sich windende Flusshäfen hindurch, an im Wasser schaukelnden Blinkzeichen, im Dunkel treibenden Muschelfarmen vorbei, unter Leuchttürmen hindurch und an Untiefen und Flachstellen entlang metergenau bis die Hafeneinfahrt in der Schwärze genau vor LEVJE’s Bug liegt. Alles, was ich tun muss, ist hin und wieder auf mein iPAD schauen und LEVJE’s Kurs per Knopfdruck korrigieren, damit wir genau der roten Linie zwischen blinkenden Tonnen und Flachstellen folgen, die mein iPAD vorgibt. Siebeneinhalb Tonnen Schiff, die sich auf Knopfruck drei Grad nach rechts drehen, wenn ich den kleinen grauen Knopf dreimal betätigte. Yachten funktionieren heute nicht anders als Containerschiffe oder Kreuzfahrtriesen. Ein Knopfdruck regelt alles, gibt die Richtung vor. Ein vierjähriges Kind könnte das, dieser Linie, die das iPAD im Dunkel vorgibt, folgen. Was unverändert bleibt, was man braucht, ist unverändert der Wille und der Mut, sich allein hinauszuwagen, im November, in die Dunkelheit. Und in die manchmal beglückende, manchmal raue Fremdheit dieses anderen Wesens, das man „das Meer“ nennt. 


Vielleicht ist dies die Schule, das, was das Meer neben vielen anderen Dingen lehrt. „Unternimm etwas. Nimm Dein Leben selbst in die Hand.“




Kommenden Sonntag der Film im Kino in:

Sonntag 4.12.2016, 11:00 Uhr: Kino P, in Penzberg  




Oder im Download. Als DVD. Hier.