Samstag, 14. Juni 2014

Der Mensch und seine Sachen: Das Schiff, das die COSTA CONCORDIA wieder richtig rum drehte.

Die MICOPERI TRENTA im Hafen von Ortona: nur etwa 120 Meter lang, am Bug mit einem gelben Drehkran und am Heck mit einem riesigen blauen, festmontierten Kran ausgestattet. In der Mitte die Hubschrauber-Landeplattform.
Das ist die MICOPERI TRENTA. Eigentlich ist sie offiziell "Pipeline-Verlege-Plattform". Sie ist das Schiff, das als Arbeitsplattform diente, um die die vor eineinhalb Jahren gesunkene COSTA CONCORDIA vom Grund des Meeres wieder aufzurichten. In diesem Filmbericht über die Bergung ist die MICOPERI TRENTA vor Giglio zu sehen.

Schon bei der Einfahrt in den Hafen von Ortona fällt der riesige blaue Kran von Weitem ins Auge. Ortona selbst ist auf der Hangkante erbaut, hoch oben über dem Hafen. Man sieht Ortona links im Hintergrund. Aber der blaue Kran reicht spielend hinauf bis auf die Ebene, auf der die Häuser stehen. Es ist echte, richtige Hardware, die da vor uns gewaltig im Hafenbecken liegt. Um sich die Dimensionen klarzumachen: das Steuerhaus des gelben Krans ist das klitzekleine gelbe Häuschen, das man oben etwas über dem Fuß des Kranauslegers sieht.


Die Firma MICOPERI hat ihren Sitz in Ravenna, aber die Operationsbasis von MICOPERI ist Ortona.  Sie wurde gegründet unmittelbar nach dem II. Weltkrieg, um die Schiffahrtswege von Schiffswracks zu säubern und war dann in den siebziger Jahren vor allem mit der Nachkriegs-Säuberung des Suez-Kanals beauftragt. Endlich mal einer, der aufräumt.
Die Firma unterhält heute etwa 13 Schiffe, um Spezialaufträge auszuführen: Leitungen im Meer verlegen, Bohrplattformen ins Meer stellen, Dinge eben auch wieder aus dem Meer holen. Die MICOPERI TRENTA ist das größte und leistungsfähigste Schiff der MICOPERI-Flotte. Die Firma selbst tritt auf ihrer Website relativ bescheiden auf: keine markigen Sprüche, wenig Marketing, eine nüchterne Aufzählung, dessen, was man macht. Und kann.

In Ortona finden wir einen Liegeplatz etwa 50 Meter von der MICOPERI TRENTA entfernt, in der hiesigen LEGA NAVALE. Hier in Ortona sind es nicht die Kirchenglocken, die mich wecken. Es ist das Geräusch der Pressluft, mit der der gewaltige Dieselantrieb des gelben Bugkrans angeworfen wird. In der Luft ist ein Pfeiffen und Jaulen, wie vom überdimensionierten Druckluftschrauber einer Reifenwerkstatt. Dann den ganzen Tag über metallisches Schlagen, Hämmern, dumpfes Wummern. Und das Geräusch des Motors des gelben Bugkrans, auf dem "CLYDE" steht. Ida, 15 Jahre alt, die diese Woche zusammen mit Sven mitsegelt, fragt natürlich sofort nach "BONNIE". Aber unsere Antwort fällt mager aus. 


Auch sonst ist alles auf der MICOPERI TRENTA eine Spur größer als anderswo: Um die Trossen für den Haken des gelben Bugkrans auszubringen, sind drei Mann in orangen Overalls eine halbe Stunde beschäftigt. Sie wuchten und zerren zu Dritt die schweren Stahlseile aus dem Unterdeck hervor und legen sich mächtig ins Zeug, bis das Trumm, nur ein Stahlseil, nur eins, am Haken hängt. Alles geht langsamer zu, achtsamer, und mit viel mehr Bedacht als anderswo, um mit den riesigen Kräften umzugehen. Es erfordert schon ungeheuer viel Vorausplanung und Vorausdenken, um zu überlegen, wo und wie man jetzt welche fast armdicke Stahltrosse einhängen muß. Allein der drehbare Bugkran ist mit seinem Haupthaken in der Lage, etwa 250 Tonnen zu heben: das sind knapp 200 AUDI A3. 

Auch eine Krankenstation hat die MICOPERI TRENTA, und ich denke insgeheim dabei an Carlo, den Werftbesitzer aus San Giorgio, den ich vor wenigen Tagen besuchte. Und der mir seinen dick bandagierten Daumen vor die Augen hielt, oder das, was vom Daumen noch übrig geblieben war: Er habe auf der Werft einfach eine Sekunde nicht aufgepasst, sagte Carlo, nur eine Sekunde lang. Und Carlo ist ein erfahrener Mann.

Und das ist nur der kleinere Kran. Das blaue Ungetüm am Heck, fest montiert, kann 1.270 Tonnen heben. Das sind ungefähr drei komplette ICE-Züge. Um die COSTA CONCORDIA hochzuheben, hätte das aber trotzdem nicht gereicht. Hier war mehr Technik und Physik im Spiel. Die Leute auf der MICOPERI TRENTA bauten riesige Schwimmer an das gesunkene Schiff, die dann leergepumpt und innerhalb weniger Stunden das Schiff wieder aufrichteten.


Mit den Vorbereitungen für das Aufrichten der gesunkenen COSTA CONCORDIA war die MICOPERI TRENTA ungefähr ein halbes Jahr beschäftigt  Aber das schwierige Manöver klappte, und die COSTA CONCORDIA schwimmt nun wieder, dank der angebrachten Schwimmkästen, auf denen sie zu ihrer Verschrottung nach Genua oder in die Türkei verbracht werden soll, Ende Mai 2014 war das noch nicht klar.



Wer sich noch mehr für die Technik interessiert: hier das Datenblatt der MICOPERI TRENTA. Am meisten hat mich darin das Ankergeschirr des Schiffes beeindruckt: 10 Anker, jeder einzelne mit einem Gewicht von 9 (!) Tonnen, die die schöne Bezeichnung "Delta Flipper" tragen. Ich glaube, ich hätte auch gerne etwas an Bord von Levje, auf das ich deuten und cool sagen könnte: Das ist übrigens mein "Delta Flipper".  Aber Levje würde sinken, wenn man auch nur versuchen würde, einen der zehn "Delta Flipper" an Deck abzulegen.

Wer die MICOPERI TRENTA sehen will: Sie liegt noch bis etwa 20. Juni 2014 in Ortona, ihrem Heimathafen. Und ist dann unterwegs nach Ägypten. Wer weiß, was es da aus dem Meer zu holen gibt.





Freitag, 13. Juni 2014

Menschen am Meer: Der Abschied des Dichters von den Mole Vanvitelliana


In den alten Kasematten der Mole Vanvitelliana, nicht weit von meinem Liegeplatz, traf ich auf diese steinerne Platte. 


Ihr Text lautet:

Weil das Leben so ganz anders ist als der Traum
nahm sich hier am Ufer des Meeres,
groß wie seiner Größe,
stürmisch wie seine Seele es war,
RAFAELE DELLA PERGOLA
am 27. Juli 1925 das Leben.

Wer Rafaele della Pergola war: das weiß nicht einmal mehr das Internet. Wikipedia schweigt sich aus, in Facebook hat er keine Freunde und bei Twitter keine Follower. Nur Google gibt Auskunft, dass es in Ancona noch eine Straße gibt, die nach ihm benannt ist. Vielleicht war er ein Dichter, wie der Text vermuten läßt. Oder ein Lehrer, wie die Widmung nahelegt. Und wer weiß schon noch, ob das alles mit kleinlichem Gezänk unter Kollegen, einer sinnlosen Liebe oder der wenige Jahre zuvor erfolgten Machtübernahme durch den Duce und die Faschisten zu tun hat.

Weil das Leben so ganz anders ist als der Traum...





Mittwoch, 11. Juni 2014

Menschen am Meer: Carlo. Oder wie man ein altes Holzboot repariert.


In den Mole Vanvitelliana herumstreunend, führte mich der Zufall zu Carlo. Er repariert für den hiesigen Club die Boote und ist hier dabei, ein klassisches Ruderboot aus den 60er Jahren zu reparieren, das leckgesprungen ist.

Carlo ist Seemann und lernte sein Handwerk bei seinem Onkel auf einem Fischerboot in San Benedetto del Tronto. Er war ehrgeizig, lernte dann und fuhr lange Jahre auf größeren Trawlern als erster Maat zur See. Er fischte vor Südamerika, in den Falklands, im Atlantik. Machte schließlich die Prüfung zum Kapitän. Aber weil ein Seemann immer einsam ist, begegnete ihm in Ancona die Frau fürs Leben. Er entschloß sich, sie zu heiraten, aber an der Einsamkeit des Seemanns auf See änderte das wenig. Also blieb Carlo an Land und fuhr nicht mehr zur See. Ob er das denn bereut hätte, frage ich, und die Antwort kommt postwendend: "Wenn Du an Land bist, träumst Du immer vom Meer. Und wenn Du auf dem Meer bist, träumst Du immer von Zuhause." So sei das nun mal eben. Aber er liebe seine Frau, und deshalb sei es gut, wie es sei.

Jetzt repariert Carlo halbtags die Boote im Club. Und den Rest der Zeit, da schreibt er an einem Buch. Eigentlich an mehreren. Eines ist mit 500 Seiten fast fertig, über alte Techniken der Navigation. Und eines sei gerade in Arbeit über Techniken der Bootsreparatur.


Die nächsten Wochen wird Carlo mit dem Ruderboot beschäftigt sein. Die Hölzer haben sich mit den Jahren zusammengezogen, sagt er, sind geschrumpft und geschwunden. Zuerst mußte das Boot trocknen. Das ließ die Hölzer noch mehr schrumpfen. In die entstanden Zwischenräume klebt Carlo nun dünne Holzleisten mit Harz ein. Man sieht die eingeklebten Leisten und die Zwischenräume auf dem Foto oben gut. Da es viele Zwischenräume sind, ist es eine zeitraubende Arbeit, bei der ich Carlo gerade störe.


Danach beginnt das eigentliche Kalfatern, "la calfatura". Die Schnur im Bild oben ist das Material, das man zum eigentlichen Abdichten der Spalten verwendet. Carlo wird sie in eine Mischung aus Leinöl und Bleimennige einlegen (wie immer in historischen Seefahrtsdingen ist wikipedia ausgesprochen lesenswert!). Das wirke antibakteriell auf die Hölzer. Und dann die feuchte Schnur mit den Eisenkeilen oben, man nennt sie Kalfateisen, in die entstandenen kleineren Ritzen geklopft, möglichst bündig nach innen und  außen. Danach wird Carlo das Boot gründlich abschleifen...

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Soeben erschienen vom Autor von Mare Piu: 
Ein Film darüber: Was Segeln ist.



                         Als Download und auf DVD: € 19,99

Was passiert, wenn das Leben die gewohnten Bahnen verlässt? 
Was geschieht, wenn man sich einfach aufmacht und fünf Monate Segeln geht? 
Darf man das? Und wie ändert sich das Leben?
Der Film einer ungewöhnlichen Reise, der Mut macht, seinen Traum zu leben.



Der Film entstand nach diesem Buch: 
Geschichten über die Entschleunigung, übers langsam Reisen 
und die Kunst, wieder sehen zu lernen
Einmal München - Antalya, bitte. 


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... und komplett außen neu streichen, damit das alte Boot aus den 60iger Jahren wieder richtig hübsch und eine Schönheit auf dem Wasser ist.

Wenn die Arbeit beendet ist, wird Carlo das Boot zunächst ins Wasser legen, es bleibt am Kran hängen, und wird eine Pumpe hineinstellen, damit das Boot nicht zu voll läuft. Die Hölzer müssen quellen. Sie werden dann die eingelegte Schnur richtig zusammenpressen. Und dann ist das Holzboot wieder richtig dicht.

Ein paar Monate wird das alles schon dauern, sagt Carlo, der Seemann mit den traurigen Augen. Und macht sich wieder ganz ruhig an seine Arbeit.





Montag, 9. Juni 2014

Menschen am Meer: Der Fischer, der Restaurantbesitzer wurde. Oder:Giuseppe, Rosella, Jeeta und Renald

Giuseppe und Rosella auf der Terrasse ihres Restaurants
Was ist es, das die Menschen zusammenführt, besondere Begegnungen und Momente stiftet? Ein launischer Gott, der so gerne gute Momente nimmt, wie er sie gibt? Ein gnädiger Gott, der die Menschen immer wieder an die richtige Stelle führt? Unser ureigenster innerer Riecher? Kluges Abwägen oder ein sechster Sinn, der uns an den richtigen  Ort führt? Oder ist alles purer Zufall?

Aus Fano angekommen in der Marina von Ancona trieb mich irgendetwas aus eben jener Marina wieder hinaus. Irgendwie alles zu groß, zu seelenlos die Menge an leeren Plastik-Yachten, nein: das war es nicht. Ich machte mich stattdessen auf, mir einen Liegeplatz im alten Hafenbecken Ancona's zu suchen, im jahrtausende alten "Porto Commerciale", und allein die Hafenrundfahrt allein durch den Hafen von Ancona war's schon wert. 


Vorbei an den großen Griechenland-Fähren nach Igoumenitsa und Patras, vorbei an den Container-Fiederschiffen, und an den Fischern. Und da, wo der Hafen dann wirklich zu Ende war, wurde ich fündig: bei der Mole Vanvitelliana hatte sich ein Segelclub einquartiert, und nach mancherlei Rufen und Parlieren wiesen mir die Mitglieder einen Platz genau vor der Mole Vanvitelliana zu, den Kasematten aus dem 18. Jahrhundert fast im Zentrum Ancona's.

Levje vor der Mole Vanvitelliana

Was ich aber übersehen hatte und worauf mich Onofrio, der hiesige gute Geist und Marinaio mit bandagiertem Kopf, freundlich hinwies, war das Restaurant, das nur zehn Meter von meinem Bug mit Blick auf den Fischerhafen, entfernt war und Bestandteil der Mole Vanvitelliana war. "Si mangia a dio", "Man isst dort wie bei Gott!", war Onofrio's einfache Antwort auf meine einfache Frage, ob das da denn gut wäre.

Des Abends genoß ich den Blick über den Hafen, als drei Kerle am Bug meines Schiffes standen: Einer mit Ray Ban-Brille, ein Inder, ein Albaner. Und lebhaft darüber diskutierten, was Levje denn wohl für ein Schiff sei. "E una Komet", sagte die Ray Ban-Brille mit Kenner-Ton. Der Inder verneinte. Der Albaner schaute skeptisch auf Ray Ban-Brille. Und ich schüttelte ebenfalls den Kopf. "E una Dehler 31." "Nie gehört", meinte Ray-Ban-Brille, und wir stellten uns einander vor. Es waren nicht die drei von der Tankstelle, sondern vom Restaurant. Jeeta, der Inder, war der Koch. Renald, der Albaner war Kellner, und die Ray-Ban Brille gehörte Giuseppe, und ihm wiederum das Restaurant. Na ja, eigentlich gehörte das Restaurant ja seiner Frau, Rosella, nach der er sein Segelboot, eine BAVARIA ein paar Plätze weiter benannt hatte. Weil er doch Fischer gewesen sei, ja, und 55 Jahre lang meistens draußen gewesen sei, habe seine Frau Rosella eben das mit dem Restaurant begonnen. Jetzt sei er 72 und froh drum. Rosella habe immer ein Restaurant geführt, als sein Leben halt das auf dem Meer gewesen sei. Immer sei er zwei bis drei Tage draussen gewesen, immer von Ancona aus, wo er geboren sei und die meiste Zeit sei er Kapitän eines Fischkutters gewesen. 

Ob sich denn das mit der Fischerei immer noch lohnen würde, frage ich. Giuseppe grinst breit. Hier in Ancona allemal, und weist auf die gegenüberliegende Hafenseite, wo Platz für an die 70, 80 Fischkutter sei. Das größte Problem der Fischer sei der Spritpreis. Er sei zuletzt Kapitän eines 31-Meter-Schiffes gewesen, das pro Tag 2.000 Liter Diesel verbraucht hätte. Ich stutze. "Moment mal. Für Diesel habe ich neulich 1,87 € bezahlt?" Er grinst. Nein, der Sprit der Fischer wäre subventioniert, läge irgendwo bei 85 Cent pro Liter, aber 2.000 Liter müßten auch erst mal wieder erwirtschaftet werden. Und dann Mannschaft und Unterhalt von Schiff und Technik - es hätte sich aber immer gelohnt.

    Jeeta und sein Helfer vor Jeeta's Küchenfenster, genau vor Levje's Bug. Es hatte schon  
    etwas, jeden Morgen vom Koch durchs Fenster als erster zu erfahren, was es heute gäbe.

Als die ersten Gäste auftauchen, trollen sich die drei und gehen an ihre Arbeit. Aber mir, mir geht es an diesem Abend tatsächlich im Restaurant wie bei Gott. Denn Renald und Jeeta  sorgen dafür, dass meine Portionen immer etwas größer sind als die der anderen Gäste. Und noch vier, fünf "Antipasti di Mare" später, die ich in anderen Restaurants genoß, denke ich immer noch an Jeeta's Bulli zurück: In scharfer Soße gekochte Meeresschnecken, die man mit dem Zahnstocher ißt. Seine waren bislang die besten, die ich an der Küste bekommen habe.




Die Reiseroute am heutigen Pfingstmontag
und wo ich gerade bin.

Sonntag, 8. Juni 2014

Songs of the Sea: Lucio Dalla und "Com'é profondo il mare?" zum heutigen "World Day of Ocean"

Jetzt, wo ich wieder an Italiens Küste entlangsegle und weil heute Welttag des Ozeans ist, fällt mir natürlich wieder "Com'é profondo il mare?" ein, immer noch und immer wieder hörenswert und hier in einer wunderbaren Live-Aufnahme von Lucio Dalla:

Der vor wenigen Jahren verstrbene Lucio Dalla in einem unvergesslichen
Song über das Meer.
Vergessen wir einfach mal, daß Lucio Dalla's Text nicht wirklich - wie der Titel suggeriert - vom Meer handelt, sondern ein Aufschrei ist, den er 1977 verfasste, ein zeittypischer Protest eines italienischen Cantautore. Nehmen wir dagegen, was es ist, nämlich: so schön kann italienisch sein wie der Sprechgesang eines Lucio Dalla.

Dalla starb übrigens vor etwas mehr als zwei Jahren während einer Tournee. An der Beisetzung in seiner Heimatstadt Bologna nahmen 50.000 Menschen teil.

Auch dies ist Italien.






Die heute zurückgelegte Wegstrecke.


Samstag, 7. Juni 2014

Menschen und ihre Boote: Von Männern und Frauen und roten Schönheiten.

Klassische Armaturen, klassisches Holzlenkrad, einfache Eleganz: das rote Motorboot aus den 50er Jahren.

Über Nationen, ihre Vorlieben oder Abneigungen nachzudenken, ist ein weites Feld. Zu meinen Vorurteilen, die ich mir über verschiedene Nationen und deren Mentalitäten ausmale, gehören diese: 

Über die Deutschen und deren Selbstverständnis: "Ich rüste mich aus: also bin ich." Bevorzugt mit überflüssigen Sport-Accessoires. Vor allem mit Fahrradhelmen, die der Requisite der legendären Alien-Filme entnommen sind. Und am liebsten mit schrillen Fahrrad-Klamotten aus schöner Chemiefaser.

Über Slowenen und Kroaten: "Ich spreche laut, deutlich hörbar und schreie ins Handy, wenn's irgend geht: also bin ich." Ich schrieb bereits darüber.

Über Italiener: " Ich mache farbigen Krach, der cool aussieht: also bin ich."

"Farbiger Krach", der begegnet einem in diesem wunderschönen Land zuhauf. Er quillt in Restaurants aus großformatigen Fernsehern. Oder umwallt mich in Gestalt der Wassermotoräder, die mich oft in einer einsamen Bucht wie Hornissen umrunden, weil sich den Armen halt grad in der Weite des Meeres kein anderes lohnendes Ziel bieten mag. Oder, und jetzt komme ich zu einer schönen Sorte "farbigen Krachs": in Gestalt von schrillgelber VESPAs (deutsch: Wespe), schwarzen APEs (deutsch: Biene), alten FIAT 500 und neuen FERRARIs, vor allem aber knallroten DUCATIs oder MOTO-GUZZIs. I'm loving it!

Und zu dieser faszinierenden Hälfte von farbigem Krach gehört in meinen Augen auch diese seltene rote Schönheit, und an der kann man nun wirklich nicht achtlos vorübergehen:



Was für ein Typ dieses Boot ist: das kann ich nicht sagen. Gebaut wurde sie im Jahr 1953 in Italien, ich vermute, im Umfeld der RIVA-Werft. Das war acht Jahre nach dem II. Weltkrieg, und der Gedanke ist schon sehr tröstlich, dass die Menschen in so kurzer Zeit danach wieder in der Lage waren, sich vom Grauen ab- und den schönen Dingen wieder zuzuwenden. Soweit ich den Eigentümer verstanden habe, ist es ein Boot, das für Rennen auf den Flüssen gebaut worden ist. Sie ist mit unglaublich viel Liebe instand gehalten: Die Armaturen sind noch original und von einer Schönheit, die heute im Design nur noch selten zu finden ist.



Der Eigentümer war so freundlich und öffnete für mich auch die doppelflügelige Motorhaube. Was dann zum Vorschein kommt, bringt selbst hartgesottene Kerle zum Jubeln und Juchzen. Es ist ein wunderbares Beispiel für die herrliche Art von farbigem Krach, den Italiener zu designen in der Lage sind. Es handelt sich bei diesem herrlichen Stück um einen Motor aus dem Jahr 1953, ein Sechszylinder mit für die Zeit sagenhaften 250 PS. 


Und wenn der Eigentümer den Anlaßer betätigt, dann klingt das so:


Breites Grinsen auf den Gesichtern aller auf der Pier stehenden Männern, wie von Löwen nach einem üppigem Mahl in der Savanne. (Frauengesichter mit "Was-der-bloß-wieder-hat"- und "Da-ginge-ich-ja-nie-drauf-auf-dieses-rote-Ding"-Blick). 

Aber es kommt noch besser, wenn man das Motorgeräusch am Auspuff hört.


Aller-aller-breitestes Grinsen bei allen im Umkreis von 50 Metern stehenden Männern. (Frauen wenden sich mit geschlechtsspezifischen Gesprächsangebot ihren Freundinnen zu.)

Aber ungeachtet aller die Geschlechter bei der Bootsfrage grundsätzlich trennenden Gräben bleibt doch eins: schön ist sie schon, die rote Schönheit. Und Neid kommt bei dieser Art von farbigem Krach auch nicht auf. Sondern Freude, dass Menschen solche Schönheiten pflegen und erhalten und ihre Begeisterung mit anderen teilen.






Das Rätsel und seine Auflösung...

Es sind einfach mehrere mit blauem Stoff bezogene, nebeneinander gestellte Strandliegen.

Rätsel am Meer: Ich sehe was, was Du nicht siehst ...

... und das ist BLAU:


Für alle Leserinnen und Leser, die den heutigen Tag mit geistiger Morgengymnastik beginnen wollen, habe ich dieses Foto eingestellt. Es zeigt einen typischen Gegenstand, den man am Meer unglaublich oft findet: Von La Palma, weit weit im Westen über Italien, Griechenland, Türkei bis nach Haifa - vor allem da, wo viele Menschen sind. Das heißt aber nicht, dass alle Menschen ihn mögen. Manche sind zwar sehr froh drum, andere lassen den Gegenstand sozusagen einfach "links liegen". Ich bin so einer. Aber Katrin, die dieses Foto vor einigen Jahren in Grado geschossen hat, für die gehörts einfach dazu.

Na?

Die Auflösung steht irgendwann heute Abend in meinem nächsten Blog. 
Übrigens führte meine Frage nach diesem Knoten, zu dem ich in YOUTUBE einen Film eingestellt habe, in amerikanischen Facebook-Gruppen zu einigen Reaktionen und Diskussionen. Die Lösung wußte aber bislang nur ein einziger: Der heißt Marco, ist Italiener, postete sie im US-Forum und segelt mit seiner Hallberg-Rassy Kismet hier die Küste entlang. 





Freitag, 6. Juni 2014

Der Mensch und seine Sachen: Bootsnamen

Es ist jetzt mal an der Zeit, in diesem Blog ein erhellendes Streiflicht auf einen bislang gänzlich unerforschten Bezirk der menschlichen Seele zu richten. Nämlich jenen, der für die Vergabe von Bootsnamen zuständig ist. Natürlich gehört mittlerweile zum allgemeinen Wissensschatz, dass Bootsnamen überwiegend weiblich sind. Was nicht verwundert, und zwar aus dreierlei Gründen: Der Bootsfahrer ist erstens meist männlich. Und denkt zweitens gern an seine Frau. Meistens. Und drittens: wer will sein Boot schon "Horst" oder "Eduard" nennen?

Etwas tiefer schürfende Gemüter betrachten die Sache mit der Frau dann schon realistischer und eher aus dem täglich stattfindenden Miteinander heraus. Im Kanal von Levkas traf ich vor einigen Jahren auf eine italienische Motoryacht mit dem schönen Namen "Bark Bark". Als ich mich im Vorbeifahren lobend an den steuernden Mann wandte und fragte, wo ihm denn diese schöne Idee zugeflogen sei, deutete er mit leicht betrübtem Gesichtsausdruck auf seine neben ihm sitzende Frau. Ein schönes Beispiel in der Literatur für die Kreation von Bootsnamen findet sich auch in Gisbert Haefs immer wieder lesenswertem Troja-Roman. Er schreibt über die Bewohner von Kynoskephalai, die ihr Schiff voll stolz nach ihrem Heimatort benannten, was sowiel wie "Hundskopf" bedeutet. Was dann missgünstige Nachbarn umgehend inspiriert habe, wiederum ihr Schiff "Hundsfott" zu benamsen.

Auch italienische Fährenfahrer und Fischer, deren Humor ansonsten in Winkeln blüht, die dem gemeinen Touristen verschlossen bleiben, zeigen zuweilen einen bemerkenswert erfrischenden Umgang mit der jüngeren deutschen Geschichte, wie man ihn auch unserem Land gelegentlich wünschen würde. Neben so unverdächtigen Namen wie "Alex" oder "Santa Maria" oder "Fifi II" begegneten mir in Ancona zwei - sagen wir: eher mittelgroße, rostige Fischerkähne, der eine mit den Namen "Bismark", der daneben hörte auf "Tirpitz". Es ist allerdings so, dass offensichtlich nicht jeder italienische Fischer danach strebt, sein Gefährt nach unverwechselbaren Vorbildern wie den beiden deutschen Großkampfschiffen des II. Weltkriegs zu benennen. Es wäre aber durchaus vorstellbar, bei gewissenhafter Suche in italienischen Häfen zu entdecken, dass irgendein Träumer die Namen "Merkel" oder "Schulz" an seine unschuldige Bordwand gepinselt hat.

Es gibt allerdings einen Bereich, der im männlichen Alltagsbetrieb weiten Raum einnimmt und der bei der Vergabe von Bootsnamen entschieden zu kurz kommt. Ja, lieber Josef: es ist dies das weite Feld des Fußballs. Was einerseits vielleicht damit zu tun haben mag, dass sich so gemeinnützigen Institutionen wie UEFA und FIFA dieses schöne Geschäftsfeld noch nicht in vollem Umfang erschlossen hat. Oder, welch erhebender Gedanke, dass sich in unserem Gemeinwesen die Einsicht breitmacht, den sowieso überbezahlten Protagonisten des Genres nicht noch mehr öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen. Vielleicht hat aber auch das konservative Handelsblatt wieder einmal Recht, das unlängst darüber räsonierte, dass in unserem Land wie auch immer geartetes Scheitern mit Häme übergossen würde. Und wer wollte dann schon "Jogi III" am Heck stehen haben?




Donnerstag, 5. Juni 2014

Unter Segeln: Von Venedig nach Ravenna

Als die Lagunenstadt Ravenna 402 n. Chr. zur Nachfolgerin Roms als Hauptstadt des weströmischen Reiches aufstieg, gab es Venedig noch nicht. Es war nichts weiter als ein paar von Steckmuscheln besiedelte Schlickbänke. 150 Jahre später, im sechsten Jahrhundert, waren beide Städte Befehlsempfänger von Byzanz, der "dux", aus dem in Venedig der Doge wurde, berichteten nach Byzanz, die Nachfolgerin Westroms. Beste Aussichten also für Ravenna wie für Venedig.

Wie jeder weiß, machte Venedig das Rennen, bis hin zur Eroberung der einstigen Lehnsherrin 1204. Was könnte also reizvoller sein, als nach Venedig Ravenna aufzusuchen. Und auf Spurensuche zu gehen.

Die Ausfahrt durch die Kanäle: im Hintergrund Venedig, vorbei an bebauten Inseln
Mutig geworden durch unser Torcello-Abenteuer, gehen wir nach Süden über die Kanäle, nach Malamocco, dann nach Chioggia, immer an der Innenseite des Lido entlang.


Es ist sehr wenig los hier draussen, wir begegnen während der zweieinhalbstündigen Fahrt nach Chioggia ein, zwei Seglern und ein paar Fischern mit ihren hochmotorisierten Sanpierotas, die die Kanäle zu ihrer Rennstrecke erwählt haben. Sonst nichts. Es ist eine Fahrt ins tiefe, tiefe Blau.


Ganz im Westen kann man im Hintergrund des Bildes die Hügellandschaft des Collio erkennen, sonst Wasser, Himmel, Dalben, Stille. 

Der Lido, ein langer, schmaler Sandstreifen, ist, je näher man ihm kommt, meist mit netten Siedlungen bebaut, Pellestrina ist einer davon. Und wäre meine Liste mit Orten, an denen ich gerne leben würde, nicht schon überlang und übervoll für drei Leben: Pellestrina käme mit drauf.


Auf der anderen Seite stehen auf Pfählen immer wieder Hütten von Kranfischern, längst verlassen die meisten, als hätten die Kranfischer einträglichere Erwerbsmöglichkeiten gefunden. Vielleicht erklären ja die mancherorts herumstehenden Kühlhäuser der "Cooperative delle Mollusche", frei übersetzt "Muschelzüchter-Kooperative", manches.


Vor Chioggia dann hinaus aufs Meer, das hier eine ganz andere Farbe hat, als weiter oben. Statt des unergründlichen graugrünblau der Nordküste ist das Meer schillernd braungrün, die Sedimente, die die Flüße hier mit anspülen, sind braun. Es lädt irgendwie nicht zum Baden ein, und als wir beide gleichzeitig neben dem Boot eine große schwarze Flosse sehen, die gleich wieder verschwindet, ist's mit der Badelust ganz vorbei. 

Die Nacht verbringen wir ankernd vor Albarella, und als uns - buchstäblich aus heiterem Himmel - eine heftige Tramontana für knapp 10 Minuten überfällt, bin ich froh, den Anker fest eingefahren zu haben. Ich fürchte die Tramontana mittlerweile, die ich jetzt drei, vier mal erlebt habe, mehr als die Bora, über die so viel berichtet wird.

Am nächsten Tag nach Ravenna, wo uns die Marina - es ist Sonntag, alle Bootsbesitzer sind da - mit der Atmosphäre der Eigentümerversammlung einer großen Wohnanlage empfängt. Alles sehr wohlhabend und gepflegt, viele große Boote, das sieht man Italien mittlerweile selten. Viele schöne GFK-Boote, oh ja, aber kein richtig schönes Holzboot. An Italienern schätze ich, dass im Gegensatz zu Deutschland Fremde selten beglotzt werden. Man schaut kurz und geht seiner Wege, so kenne ich das aus den Hafenstädten. Hier aber wird geglotzt aus Leibeskräften. Ich frage mich nach einer Weile, ob ich das falsche Hemd anhabe, Levje einen toten Hund im Bugkorb hängen hat, Katrin schielt mißtrauisch auf Levje's neue Solaranlage. Naja, lange bleiben wir nicht. 

Ravenna selber ist auch nicht einladend, kann vermutlich dafür aber wenig. Volle Strände und: viele, viele Schwarzafrikaner, die im Bahnhofsviertel herumhängen, ihrer Heimat verlustig, und wenn ich sie reden höre, ihrer Muttersprache brutal entwurzelt. Italien hat da ganz schön zu tragen an seiner Last der EU-Außengrenze, die das Land zwingt, Emigranten abzuweisen oder aufzunehmen, aber diese Bürde doch bitte alleine zu tragen. Auch wenn ich keine Lösung sehe: Deutschland spielt bei diesem Kapitel keine rühmliche Rolle, und das wird auf Dauer nicht weitergehen.

Ravenna und die Mosaiken, und Theoderich: da komme ich natürlich gar nicht vorbei. Es sind aber die kleinen, unbeachteten Relikte, die mich faszinieren, wie diese beiden hier aus San Giovanni Evangelista, unauffällig und erzählend wie eine Buchmalerei:



Um auf den Anfang dieses Posts zurückzukommen, will ich den großen französischen Historiker Fernand Braudel zitieren, der in einem seiner Bücher über das Mittelmeer sinngemäß fragt, was aus Venedig geworden wäre, wenn es Mitte des 19. Jahrhunderts einen wachen Stadtoberen gegeben hätte, der sich durchgesetzt hätte mit der Forderung, dass man mit der neuen Zeit gehen müsse. Werften, Betriebe, Industrie ansiedeln müsse. Die Antwort auf diese Frage, schreibt Braudel, sei im heutigen Genua zu finden. Und in Ravenna.








Dienstag, 3. Juni 2014

Menschen am Meer: Der Koch, der ein Fischer wurde.

Vergangene Weihnachten bin ich von Izola nach Piran gesegelt, ein kurzer Ausflug, und dort im Hafen über Nacht geblieben. Zum Abendessen riet mir Tripadvisor, unter den etwa 50 Lokalen in Piran doch ins Pirat zu gehen, der Pirat war an erster Stelle.

Es war ein typischer zweiter Weihnachtstag: kaum Betrieb im Restaurant, ein merkwürdiges italienisches Pärchen, und ich. Und natürlich die Restaurantbesitzer:

Robin und Rok vom Restaurant Pirat, in Piran etwas abseits direkt am Hafen gelegen.
Das sind Robin und Rok, und die Brüder betreiben das Restaurant seit 18 Jahren. Auf dem Foto sieht man gleich, wer von beiden wofür zuständig ist: Rok, rechts im Bild, ist für das Lächeln des Hauses verantwortlich. Und Robin, links, ja der ist der Koch und der Stratege im Pirat. Robin lernte ich an diesem Abend kennen, als er die Küche verließ und sich vor seinen PC setzte. Wo ich ihn einfach ansprach. Robin erzählte dann seine Geschichte: dass er nach einigen Jahren Restaurantbetrieb kalkuliert hätte, statt monatlich 3.000 - 4.000 € für Fisch-Einkäufe auszugeben, doch gleich Fischer zu werden. Und den Fisch für die Küche selber zu fangen.

Robin sagt, es war unglaublich schwer. Er hatte keine Ahnung vom Fischen, fing bei Null an. Die Fischerei ist in Slowenien wie auch anderswo ein Familienhandwerk. Man wird nicht einfach so Fischer. Die ortsansässigen Fischer witterten Konkurrenz und halfen ihm keinen Deut. Er fragte. Und quengelte. Und bettelte. Bis sich ein alter Fischer erbarmte und ihm einige Grundregeln beibrachte. Wahrscheinlich hätten andere längst aufgegeben, aber Robin war jetzt in seinem Element. Er testete und optimierte seine Technik ständig, probierte verschiedene Netze auf unterschiedlichen Tiefen aus, versuchte es wieder und wieder. Und langsam wurde es was, mit dem Fisch auf den Tisch, langsam.


Robin vertiefte sich richtig in das Verhalten der Fische. Dass sie den Wind spüren und sich bei verschiedenen Winden unterschiedlich verhalten. Bei Bora, dem böigen Nordost, beißen sie schlecht. Bei Yugo, dem Wind aus Süd aber ganz gut. Doraden, sagt Robin, seien blöd. "Die Warten nur, was von oben zum Fressen runterfällt", und genauso habe ich das in den Buchten auch immer beobachtet, wenn die Ringelbrassen reglos unter dem Boot stehen und darauf warten, was da jetzt oben rauskommt. "Wolfsbarsche, der Loup de Mer, der spielt immer. Sie steigen im Wasser auf, sie steigen im Wasser runter, immer sind sie am Spielen." Ich bin verblüfft. Doraden und Wolfsbarsche sind fast überwiegend Zuchtfische, die bevorzugten Fische aller Aquakultur-Betreiber, und sie sind deshalb so verbreitet auf den Speisekarten. Wilder Wolfsbarsch ist eigentlich nicht zu kriegen, mein sündhaft teures Fischkochbuch zeigt, wie sie ihn in der Bretagne mit der Leine fangen. Aber Robin stellt ihnen in der Bucht von Portoroz mit dem Netz nach, genauso, wie es mir später die Fischer in Izola bestätigen. 


Vollständig einig sind Robin und ich, als wir über Tintenfische und vor allem Sepien reden: Robin denkt genau wie ich, dass es neben Delfinen die klügsten Meeresbewohner sind. Ich habe vor vielen Jahren in der Karibik schnorchelnd mit einer Schule von sechs, sieben handgroßen Sepien spielend kommuniziert. Sie schwammen neugierig in Formation in etwa ein Meter Abstand vor mir, und aus irgendeinem Grund habe ich begonnen, mit den Armen zu dirigieren. Die Sepien reckten mir darauf ihre Arme entgegen und folgten im Gleichtakt meinen Armbewegungen, einer neben dem anderen, und wie eine Schulklasse.

Auch Robin kennt solche Geschichten von Tintenfischen. Und bedauert, dass Sepien von seinem Küstenabschnitt fast ganz verschwunden seien. Aber weil ihn das mit dem Verhalten der Fische sehr interessiert, hat er auch nach seinem "Durchbruch" als Fischer keine Ruhe gegeben. Er hat vom Pirat aus eine Leitung ins Meer legen lassen. Und so steht heute mitten im Restaurant das größte Meerwasser-Aquarium an der Küste Sloweniens. Man sieht es im Hintergrund eines jeden Fotos. Es sind fast nur Speisefische drin, aber Robin sagt, dass die nicht zum Verzehr seien. "Bevor ich zum Fischen rausfahre, schaue ich einfach, was sie heute machen. Dann weiß ich, wie sie sich draußen verhalten und ob sich's lohnen wird."

Montag, 2. Juni 2014

Landschaften der Seele: Unter Segeln durch die Lagunen von Venedig nach Torcello.

Durchfahrt durch Burano
Venedig und das auf- und ablaufende Wasser, das war für die Venezianer schon zu einem frühen Zeitpunkt eine wichtige Frage. Arne Karsten, dessen wunderbare kurze "Kleine Geschichte Venedigs" ich bestimmt fünf, sechs mal gelesen habe und auf meiner Bücher-Bestenliste immer unter den Top 15 rangiert, schreibt, dass die Venezianer bereits ab frühester Zeit alle Jahrhunderte hindurch zwei großen Versuchungen widerstanden hätten. Die eine: in Notzeiten ihre eigene Währung, Dukaten, Scudo, was immer durch Beimischung von schlechtem Metall zu entwerten. Die andere: Müll in die Kanäle zu werfen. Bereits ab einem frühen Zeitpunkt, nämlich im 11. Jahrhundert, hätte sich der Große Rat darum gekümmert, ab dem 13. Jahrhundert "verbot der Große Rat kategorisch, Abfälle in die Kanäle zu werfen oder Verkaufsstände direkt an den Ufern der Kanäle zu errichten ... mehr als hundert technische Patente wurden zwischen 1492 und 1797 beantragt, von denen man sich die endgültige Lösung der Kanalreinhaltung versprach." (Karsten, S. 62) Das ist auch der Grund dafür, dass das Wasser in der Lagune, vor allem auf dem 37 Kilometer langen Kanalsystem durch die Stadt, ganz erstaunlich sauber ist. Bis auf treibendes, wogendes Grünzeug schwimmt da nur selten etwas.

Die Gefahr des Verlandens oder Versandens ihrer Wasserwege war den Venezianern durchaus bewußt. Wie zart und fragil dieses Ökosystem ist, zeigt diese

Interaktive Karte der Kanäle von Venedig.

Wie die Schlagadern und Arterien eines lebenden Organismus sind darin die Hauptwasserwege eingezeichnet, fast wie Blutbahnen in einem Gehirn. Und über sie vollzieht sich zweimal täglich der Wasseraustausch in der Lagune.

Die Karte ist aber auch sehenswert, weil sie meine Frage beantwortet, ob ich mit Levje's Tiefgang von 1,60m von Venedig nach Torcello oder Chioggia auf den Kanälen fahren kann: es geht offensichtlich nicht, denn es gibt einige Stellen, die mit 1,30m ausgewiesen sind. Wer die Karte am Tablet-PC ansieht, kann sich den Weg nach Torcello ansehen: Zuerst Venedig finden, das in dieser Karte wohltuend unauffällig eingezeichnet ist. Dann ganz im Osten Sant'Elena. Dann Murano. Dann Burano. Und dann: Torcello. Zuletzt die Wassertiefen der einzelnen Wasserarme "heranzoomen". 

Trotzdem lassen wirs mit dem "geht nicht" natürlich nicht gut sein und probieren's am Freitag Morgen einfach aus. Also jetzt "in echt": Links raus aus Sant' Elena und ins Bacino fahren, es erfordert immer etwas Mut, denn das Hafenwasser in der großen Bucht von Venedig scheint zu kochen durch den Kreuz- und Querverkehr der Vaporetti, Lastkähne, Motoryachten, Fähren, Linienschiffe, was weiß ich. 


Und einen Riesen im Fahrwasser gibts auch gelegentlich. Am Schlimmsten sind Wassertaxis, wie Giuseppe, ein Bekannter, der in Venedig lebt, bemerkt. Er rudert mit seiner Sanpierota hier öfter herum und machte mich darauf aufmerksam, dass diese Gleiter die übelsten Wellen verursachen.

Aber vor Murano wird's dann ruhiger. Der Weg durch die Dalbenstraßen ist herrlich an diesem Morgen. 


Manchmal ist das Fahrwasser breit, manchmal ist es schmal, manchmal sind die Dalben, die "Briccolone", links und rechts aufgestellt, manchmal nur in einer Reihe, man muß schon ein wenig aufpassen. Und natürlich genauso viel auf den Tiefenmesser schauen, wie auf das Fahrwasser voraus. Aber es geht. 





Murano links liegen lassen, an den alten Glasbläsereien vorbei, durch Burano durch, es ist zauberhaft an diesem Morgen, lauter bunte Häuser. 



Katrin, die ein paar Tage zu Besuch ist, fotografiert wie eine Wilde die bunten Häuser. Und den schiefen Kirchturm von Burano. Venedig ist die Stadt der schiefen Kirchtürme, aber der von Burano, der schießt den Vogel ab. Etwas mutig geworden, beschließen wir, in Burano anzulegen und zu tanken. Aber manchmal, wenn aus Mut Übermut wird, gibt's eins auf die Mütze, der Diesel kostet an der Wassertankstelle 1,87 €. Wie immer gilt: alles, alles muß in den Lagunen mühsam übers Wasser herangeschafft werden.


Nach Torcello ist es durch den Canale di San Antonio nur noch ein kurzes Stück, wo wir ankern und schwimmen. Der Anleger vor der Kathedrale ist nicht ganz komod, aber es geht halbwegs, und die Besichtigung ist es wert. Es sind Mosaiken aus dem 11./12. Jahrhundert in unglaublicher Qualität, wie ich sie bisher nur in der Hagia Sophia in Istanbul sah. Das jüngste Gericht zeigt, wie so häufig im Früh- und Hochmittelalter, den alttestamentarischen Gott, nicht den liebenden, vergebenden, sondern den strengen, strafenden Gott, und er kennt auf den Mosaiken auch kein Erbarmen mit den Herren. Und der, ganz links außen, seine Engel die Posaune blasen läßt, um die im Meer Ertrunkenen aufzuwecken. Kaum 50 Jahre nach Entstehung dieser Mosaiken mussten die Bewohner Torcello aufgeben. Durch ökologische Veränderung hatten Versumpfung und daraus resultierende Malaria-Epidemien überhand genommen.

Immer wieder wird auch klar: Venedig orientierte sich im Mittelalter weit stärker an Byzanz als am Festland, wirtschaftlich wie auch künstlerisch. Das erklärt manche Fremdartigkeit, zum Beispiel die Wirkung von San Marco auf den heutigen Betrachter.
Von der Gründung Venedigs bis zur Eroberung 1204 war Byzanz Herrscherin auch über Venedig, so formal das auch immer gewesen sein mag, man darf das nie vergessen. Venedig schaute in seiner 1200jährigen Geschichte immer nach Osten, nach Byzanz und später Konstantinopel. Selten nach Westen oder Südwesten, kaum nach Norden. Der Seeweg, das Mittelmeer war ein verbindender, und kein trennender Faktor.

Am Nachmittag, rechtzeitig vor dem großen Gewitter, das regelmässig niedergeht, sind wir wieder zurück in Sant' Elena, wir haben diesmal den Weg über Punta Sabbioni am Lido entlang und an der großen MOSE-Baustelle vorbei gewählt. Vor Punta Sabbioni konnten wir dann auch wirklich Segeln wie auf einem See.

Nautische Anmerkungen:
Navigation: 
Wir fuhren ausschließlich nach der obigen Seekarte (aus 2006) auf dem Ipad. Reicht völlig aus. Kartenplotter versagen, da zumindest in meinem die Dalbenstraßen nicht ausgewiesen sind. Geringste gelotete Tiefe auf beiden Strecken: ca. 2,50m durchfahren bei Hochwasser. Meistens zwischen 3,50 - 5,00 m Tiefe, Stand Mai 2014. Die mündlichen Angaben der Mitglieder des Segelclubs Diporto Velico Veneziano lauteten, dass man bis Tiefgang 1,80 m  ohne Rücksicht auf Gezeiten die Kanäle durchfahren könnte. Wegen der Strömung sollte man aber immer vorher im Internet auf die Gezeiten schauen. Es kann gerne mal zwei, drei Knoten Strömung haben. Wetterbericht beachten. Strömung plus aufkommender Gegenwind oder Herbstnebel, wir hatten das mal, können beeindruckend sein.

Seerecht:
Entgegen den Angaben in manchen älteren Handbüchern benötigen nur Schiffe über 10m in der Lagune eine Registrierung und ein Nummernschild. Nach Augenschein, wie denn die Bootseigner im Segelclub von Sant' Elena das handhaben, würde ich sagen: eher lax. Mein Schiff mit 9,40 Länge wurde in den Lagunen ohne Nummer nie angehalten. (Stand Mai 2014)

Wetter:
Die Nordadria ist ein  gewitterreiches Revier. Während der fast 10 Tage meines Aufenthalts gab's fast jeden Abend Gewitter mit Platzregen. Generell: Kanal 68 hören.





Die Glocken von Venedig: Die Weise des schiefen Campanile von San Pietro in Castello

Venedig ist die Stadt der schiefen Türme: Und der Campanile von San Pietro in Castello ist einer davon. Um die Melodie dieses Glockenturms gehts im Betrag und im Video unten. 
Mein Post über die Glocken von Venedig war zwar bislang nicht der am meisten gelesene, aber der, auf den ich das meiste Feedback erhielt. Mein Freund Josef schreibt, er hätte das mit den Glocken genauso empfunden und sich gefragt: ob sich die Glockengiesser das so ausgedacht hätten. Es würde mich reizen, das rauszubekommen. Aber von meinen Recherchen über die Kirchen am Starnberger See weiß ich, dass Glocken nur in ganz seltenen Fällen Kriege überleben. Sie wurden zu allermeist eingeschmolzen und zu Granaten verarbeitet. Auch das wäre eine Aufgabe, die Geschichte der Glocken von Venedig zu recherchieren, aber das muss Anderen vorbehalten bleiben.

Eine Leserin schrieb mir, dass mein Beitrag über die Glocken von Venedig ein unglaublicher Büro-Relaxer wäre, etwas, das sie oftmals am Tag aufrufen würde.

So. Und für alle, die jetzt in diese Woche im Büro starten: Die sich mit quengelnden Kunden, die nicht wissen, was sie wollen, mit ahnungslosen Chefs oder nimmersatten Inhabern herumschlagen müssen und tausenderlei Probleme so annehmen, als wären es ihre eigenen: für all jene stelle ich diese beiden Videos ins Netz:



Es ist eine Weise, die mich sehr berührt. Die Venezianer, die ich nach der Melodie fragte, kannten sie nicht. Und vielleicht ist ja eine Leserin, ein Leser dieses Blogs so gewieft, rauszukriegen, woher diese Melodie stammt.

Jedenfalls: Einfach aufrufen, wenn's gerade mal wieder zu dick kommt.

Es sind die Glocken des Camapanile von San Pietro in Castello, Sant' Elena benachbart, einer der Entstehungsorte von Venedig, wie im Link nachzulesen ist. Und auch einer der vielen, vielen schiefen Kirchtürme in Vendig.