Dienstag, 18. Juli 2023

Orca Update Juli 2023: Mehr Orcas involviert. Deutlich weniger Ruderschäden seit April 2023.

Seit Januar 2023 sucht der franco-spanische Forscher Renaud De Stephanis 
mit Unterstützung der spanischen Behörden das Rätsel der Orcas und die Ursachen der rätselhaften Attacken auf Yachtruder zu ergründen. 
Fast jeden Tag fährt er mit Segelyachten dorthin, wo verhaltensauffällige Orcas mit Rudern interagieren. Im Interview spricht Renaud De Stephanis über seine Arbeit, bisherige Ergebnisse. Und über optimale Verhaltensregeln für Segler. 

Ein Foto, das alles erklärt. Trotz mehr beteiligter Tiere verweist Renaud de Stefanis auf sinkende Anzahl von Ruderschäden seit April 2023. Im Interview erklärt er seine Strategie.


Thomas Käsbohrer: Durch Ihre Arbeit ist in die bestehende Orca-Forschung seit Januar Bewegung gekommen. Man ging bislang davon aus, dass es nur einzelne Tiere aus der semiresidenten Gruppe der Orca Iberica sind, die mit Yachten interagieren. Die Grupo Trabajo Orca Iberica sprach von 16 von insgesamt 50 Tieren der vor Gibraltar beheimateten Orcas, die Boote anrempeln. Ist das noch so? Oder gibt es neuere Erkenntnisse? 

Renaud De Stephanis: Wir gehen heute nicht von einer Gruppe aus, sondern von zwei Gruppen. Das ist bislang eine Hypothese, aber unsere Beobachtungen weisen stark in diese Richtung. Eine Gruppe ist vor dem Fischerort Barbate nordwestlich der Straße von Gibraltar aktiv an Ruderblättern dran, die andere Gruppe ist zurzeit vor Frankreich aktiv.

tk: Frankreich??

Renaud De Stephanis: Ja, vor der Gascogne nördlich der Pyrenäen gab es in den letzten Tagen zwei Interaktionen, die mit beschädigten Ruderblättern endeten. 
Was die Gruppe vor Barbate angeht, gehen diese Tiere mittlerweile auch bis ans östliche Ende der Straße von Gibraltar. Wir haben mittlerweile auch Interaktionen vor La Linea nördlich des Flughafens Gibraltar.

tk: Was ist aktuell das Ziel Ihrer Forschungen?

Renaud De Stephanis: Wir wollen drei Themen klären: Wir wollen die Anzahl der Interaktionen reduzieren. Als zweites zielen wir darauf, die Anzahl beschädigter Ruder zu reduzieren. Es soll weniger Schäden geben. Drittens arbeiten wir an den Ursachen, wie es den Orcas gelingen konnte, bislang drei Yachten zu versenken.

tk: Ich habe zu letzterem Punkt in meinem Buch DAS RÄTSEL DER ORCAS ein Interview geführt mit der Besatzung einer der gesunkenen Yachten, der Smousse. Sie gaben an, dass der Skipper für eine bevorstehende Atlantiküberquerung sein Ruder verstärkt hätte. Als das Ruderblatt nicht brach, sei der Rumpf aufgrund der kraftvollen Orca-Einwirkung auf 80 Zentimetern Länge eingerissen...


Renaud De Stephanis: ... wir denken in die gleiche Richtung. Ein beschädigtes Ruderblatt führt niemals zum Sinken einer Yacht. Ein beschädigter Rumpf schon. Wir raten deshalb dringendst von einer Verstärkung des Ruderblattes ab, das würde eine Yacht definitiv in ernsthafte Gefahr bringen.
Wir arbeiten auch an technischen Lösungen, um die Zerstörung von Ruderblättern zu vermeiden. Pinger sind - nach allem, was wir bis jetzt ausprobiert haben - jedenfalls meist wirkungslos. Unsere Idee ist, eine technische Lösung zu finden. Aber wir sind eigentlich nicht daran interessiert, dass das patentiert wird, denn es sollte eine Lösung sein, die allen uneingeschränkt zur Verfügung steht.

tk: Was gibt es bislang für Lösungen? Die Diskussion in diesem Jahr hat sich doch sichtbar verändert, nicht zuletzt dank Ihrer Arbeit seit Januar.

Renaud De Stephanis: Da ist zum einen die Initiative vieler Webseiten und WhatsApp-Gruppen, den Aufenthaltsort interagierender Orcas zeitnah für alle Skipper sichtbar zu machen. Wir arbeiten daran, noch schneller den augenblicklichen Standort von Orcas in den elektronischen Seekarten sichtbar zu machen. Anders als in den letzten zwei Jahren wissen wir heute, dass "Maschine aus" und "Stillliegen" genau der falsche Weg ist. Mit dem Stillliegen signalisiert man den Orcas ja: "Hier hast du dein Spielzeug. Nimm es!" 
Wir empfehlen stattdessen, sofort unter Motor von der Herde wegzulaufen und die 20-Meter-Linie aufzusuchen. Wir waren haben das jetzt etwa 70 Mal ausprobiert - nur einmal endete diese Taktik mit einem zerstörten Ruder. Das spricht doch für sich.

tk: Das bringt uns zu der interessanten Frage, wie sich denn die aktuellen Zahlen in diesem Sommer entwickeln? Steigt die Zahl zerstörter Yachtruder? Oder geht sie nach unten?

Renaud De Stephanis: Bis April stiegen die Zahlen. Seit April bewegen sie sich signifikant nach unten.

tk: Womit erklären Sie sich das?

Ein Foto aus vesselfinder.org. Die Website stellt in Echtzeit die laufenden Schiffsbewegungen dar. Gelbe Dreiecke markieren Frachter, violette die Segelyachten. Das Ergebnis sei eindeutig, erklärt Renaud de Stefanis unten.


Renaud De Stephanis: Statt vieler Worte schicke ich Ihnen einfach mal das obige Foto. Darin sehen Sie die Antwort. 

tk: Helfen Sie uns auf die Sprünge?

Renaud De Stephanis: Die gelben Dreiecke markieren die augenblickliche Frachtschifffahrt, die violetten Dreiecke die gerade in der Straße kreuzenden Segelyachten. Bis auf wenige Ausnahmen bewegen sich fast alle Yachten auf der 20-Meter-Linie eng an der Küste. Selbst vor Barbate. Das hat die Zahlen beschädigter Ruder deutlich nach unten gebracht.

tk: Was ist also die beste Taktik im Augenblick?

Renaud De Stephanis: Kurz gesagt: jederzeit wissen, wo die Orcas sind. Und dann ganz nah an der Küste entlang segeln auf der 20-Meter-Tiefenlinie. Dort bist du sicher.

tk: Und wie werden sich die Zahlen im Lauf des Jahres weiter entwickeln?

Renaud De Stephanis: Im Rest des Jahres? Da habe ich ehrlich gesagt nicht die leiseste Ahnung. Wenn die Segelyachten weiter nah an der Küste bleiben, werden die Zahlen in diesem Jahr deutlich niedriger ausfallen. 

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