Dienstag, 13. August 2019

Von England nach Irland und Schottland (25): Ein Friedhof am Meer. Zwei Männer im Krieg.

Anfang Juni bin ich von der Isle of Wight aufgebrochen
und über die Scilly-Isles nach Dublin und Schottland.
Nach Islay bin ich jetzt unterwegs auf den Äußeren Hebriden, der Insel South Uist.





Wenn man auf South Uist nordwärts fährt und irgendwo von der Straße rechts abbiegt, kommt man im Nordwesten dort, wo die Wiesen voller Schafgarben enden und in den hellen Sandstrand übergehen, den Friedhof der Insel. 

Ein klein wenig ist auch dieser Inselfriedhof das Abbild der Insel und der Menschen, die darauf leben. Auf South Uist leben im Durchschnitt etwa 5,5 Bewohner auf einem Quadratkilometer - ein Kilometer für eine Familie. Vielleicht prägt so viel Abstand zu den Nachbarn ja nicht nur fürs Leben, sondern auch für das, was danach kommt. Auch ihren Verstorbenen räumen die Inselbewohner mehr Abstand zueinander ein, als auf Friedhöfen in unseren Breiten üblich ist. Großzügig verteilt über das steinummauerte Areal stehen Gruppen von Gräbern zusammen, dann wieder erheben sich in der Weite der Blumenwiese einzelne alte Grabkreuze und Grabplatten. 


Auf South Uist gilt die Korrelation, nach der sich nur ausgesprochen wenige Menschen einen Quadratkilometer und einen Friedhof teilen, auch für die weißen Strände ganz im Westen. Sven und seine Tochter Ida, die mit mir reisen, erscheinen mir unten am Strand so fern, so verloren, wie man es wohl nur an diesem Ort sein kann. Ich wandere langsam über den Friedhof, der Wind vom Meer zaust mir Haare und Regenjacke, während ich langsam hügelauf wandere, zum höchsten Punkt des Friedhofs. Hinaus aufs Meer schaue.


Und versinke in den alten Inschriften, die Geschichten erzählen. Da ist das Grab der Mary Ulph, die hier auf der Insel vor wenigen Jahren im Juli im gesegneten Alter von 101 Jahren verstarb. Ob sie allein lebte, und immer hier auf der Insel war? 

Oder das Grab des Alexander Campbell, der 24jährig verstarb, "killed in action, Europe 1940". Als wäre dies Europa ein Ort fern wie umkämpfter Stern irgendwo in der Galaxis, von dem South Uist weit weit weg liegt.


Friedhöfe sind für die Lebenden, nicht für die Toten. Und hier auf dem Friedhof von South Uist scheinen es häufig weit entfernt lebende Angehörige, die ihren Eltern auf dem Friedhof einen Stein setzten, als hätte sie etwas bewogen, dem Vergessen etwas entgegenzusetzen.

In einer Ecke des Friedhofs eine Reihe vier gleiche weiße Steine. Vier Inschriften, drei namenlos, die Reste britischer Seeleute von versenkten Schiffen des II. Weltkriegs, die hier irgendwo an den Stränden angespült wurden. Doch eines der vier Gräber trägt Namen:


Angus M. MacLean, Schiffszimmermann, 
torpediert und vermisst 
auf S.S. CLAN MACFADYEN 
26. November 1942 im Alter von 33 Jahren. 
Die See ist sein Grab.

Abgesehen davon, dass ich fast auf den Tag genau nur 18 Jahre nach Angus MacLeans Ableben geboren wurde, ist die Tatsache verblüffend, dass Nachkommen noch vier Jahrzehnte später ein Geschehnis, wie es sie zehntausendfach gab, erwähnen.

Wahrscheinlich beginnt die Geschichte des Angus MacLean hier in einem Weiler auf South Uist. Ich finde zunächst keine weiteren Spuren über ihn. Doch zurück im Auto habe ich für 5 Minuten Internet. Und finde die folgende Geschichte.

Angus MacDonald MacLean ist 1909 geboren. Vermutlich ging er in irgendeine winzige Inselschule, vielleicht mit 16 zu einem Bootsbauer in Loch Boisdale in die Lehre .Oder an einem der Sandstrände, auf die die Fischer ihre Boote hinaufzogen, wenn sie vom Meer kamen. Vielleicht verschlug es ihn auch hinüber ans Festland, nach Glasgow, wo die Werften waren und wo es Arbeit gab in Hülle und Fülle. In einer Kleinstadt in der Nähe, in Irvine in der Grafschaft Ayrshire, einem kleinen Ort im Westen, war 1923, mitten in der


Wirtschaftskrise ein Dampffrachtschiff auf Kiel gelegt und gebaut worden, die CLAN MACFADYEN. 127 Meter lang war sie, eineinviertel Fußballfelder, ein stattliches Schiff, ihre stählernen Laderäume reichten achteinhalb Meter unter die Wasseroberfläche und konnten fast sieben Tonnen Ladung aufnehmen. Sie war gebaut, Frachten von Übersee nach Großbritannien zu schaffen: Tabak und Zucker und Rum und Hanf - eben alles, was die Kolonien produzierten und Großbritannien brauchte, um den Tee zu süßen oder Seile für den Schiffbau zu drehen. Wann Angus MacLean auf der CLAN MACFADYEN und bei Kapitän Percy Edgar Williams anheuerte, ist nicht klar, ob freiwillig als Mittzwanziger oder Anfang 30 als zwangsweise zur britischen Handelsmarine Rekrutierter. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits verheiratet, und vermutlich war er da schon Vater einer kleinen Tochter, die mit ihrer Mutter auf South Uist aufwuchs. Jedenfalls findet sich Angus MacDonald MacLeans Name unter der 94-köpfigen Besatzung der CLAN MACFADYEN, die bei Kriegsausbruch unter Dampf irgendwo zwischen der Insel Mauritius und dem nördlichen Brasilien unterwegs war, um Waren für die Heimat zu laden. Waren, die Großbritannien dringender benötigte denn je zuvor. Die Insel hungerte. Sie wurde belagert. Belagert von deutschen Schiffen. Von U-Booten.


Unter den Seeleuten, die den Auftrag hatten, die Insel zu belagern und Großbritannien von allem Nachschub abzuschneiden, war auch der bei Kriegsausbruch 23jährige Georg Staats aus Bremen. Er war sieben Jahre jünger als Angus MacLean. Mit 19, etwa da, als Angus MacLean auf der CLAN MACFADYEN anheuerte, trat er in die Kriegsmarine ein, das war 1935, weswegen er und die anderen Offiziersanwärter im Ausbildungsjahrgang 1935 nur "Crew 35" genannt wurden. "Crew 35" kannte sich, hielt Kontakt untereinander, als der Krieg ausbrach und Georg Staats als Wachoffizier auf ein U-Boot kam. 1941, da war Georg Staats gerade 26 Jahre alt, bekam er ein eigenes Kommando über ein noch größeres U-Boot. U-508 war mit das Modernste, was die Kriegsmarine an U-Booten aufbieten konnte. Als Kapitänleutnant erhielt Georg Staats zusammen mit seinen 56 Mann Besatzung den Auftrag, in der Karibik zu patroullieren und britische Frachter bereits dort zu versenken, wo sie sich zeigten.

Auf dieser ersten Feindfahrt, auf der der 26jährige Georg Staats sein Boot über den Atlantik nach Kuba, vor Havanna und vor Floridas Keys führte, klagte der Kommandant über den Gesundheitszustand seiner Crew in der Hitze. Über Abmagerung, über schlimme Hautausschläge. Wie fühlte sich das an, 82 Tage in einer karibisch feuchtheißen Stahlröhre mit 56 Anderen auf engstem Raum?

Der Befehlshaber der U-Boote ist nach  der Rückkehr alles andere als zufrieden. Mit nur zwei versenkten Schiffen bekommt Kapitänleutnant Staats Druck von oben. Von ganz ganz oben. Lapidar heißt es vom BdU, dem Befehlshaber der Uboote: "Die hier bewiesene Zähigkeit wird anerkannt. In der Ausnutzung der Erfolgschancen ist die Durchführung der Unternehmung jedoch nicht befriedigend." Im einzelnen werden dem jungen Kapitän und seiner Besatzung zu schnelles Tauchen vor dem Feind, zu große Schussdistanzen, gar "persönliche Versager" angekreidet. Hatte der Kapitänleutnant unter den 56 Besatzungsmitgliedern einen Feind auf dem eigenen Boot, der sein Vorgehen minutiös nach oben berichtete?


Auf der nächsten Feindfahrt sollte das alles besser werden. Wiederum lief das U-Boot Mitte Oktober 1942 in den Nordatlantik und und in die Karibik aus und kreuzte vor Trinidad. Diesmal liefen die Dinge besser. In den drei Wochen, bevor er am Morgen des 26. November  die am Horizont zickzackende CLAN MACFADYEN sichtete, hatte Staats bereits drei britische Frachtschiffe versenkt. Kaum hatten sie sie entdeckt, heftete sich Georg Staats umgehend an die Fersen der Zickzack laufenden CLAN MACFADYEN.

Was Angus MacLeod, der Schiffszimmermann an diesem Tag machte, ist nicht klar. Vermutlich den üblichen Schiffsdienst. Ausbesserungsarbeiten am Schiff, irgendwas rottete und rostete immer in der Hitze. Kontrolle der Ladung, 6 Tonnen Zucker, der Rest Hanf aus Südamerika. Anschließend ging er in die Mannschaftsmesse zum Mittagessen. Vielleicht saß er dort noch, als Georg Staats um 13.08 Ortszeit drei Torpedos auf die MAC FADYEN feuern ließ. Doch von dem Unheil, das um die Mittagszeit um Haaresbreite durchs türkis leuchtende Wasser an dem 127 Meter langen Frachter vorbeiging, hat von den 94 Mann Besatzung der CLAN MACFADYEN keiner etwas bemerkt. Sie waren ahnungslos.

Georg Staats heftete sich erneut ans Kielwasser des immer noch mit Zickzackkurs laufenden Frachters. Erst spät in der Nacht stellte U-508 die CLAN MACFADYEN erneut. Um 00.08 Uhr feuerte das U-Boot erneut zwei Torpedos auf den Frachter. Sie trafen ihn mittschiffs. Was danach kam, war nur eine Sache von Minuten. Das über hundert Meter lange Schiff brach sofort auseinander und sank innerhalb von vier Minuten. Die meisten der Seeleute auf der CLAN MACFADYEN wurden vermutlich im Schlaf überrascht. Oder waren sie alle an Deck, weil sie seit Stunden wussten, dass ein deutsches U-Boot irgendwo unter ihnen lauerte? Und sie jeden Moment in der Weite des Atlantik ein Torpedo treffen konnte und sie auseinander reißen würde?

Von den 94 Mann Besatzung schafften es nur zehn Mann auf die Rettungsflöße. Ein Frachter entdeckte die drei treibenden Flöße nach drei Tagen auf und las auf, wer auf ihnen noch lebte. Vier Mann setzten sie in Port of Spain auf Trinidad noch lebend an Land. 

Angus MacLeod, der Schiffszimmermann, war nicht unter ihnen.


Georg Staats hat den sieben Jahre älteren Schiffszimmermann Angus MacLead nie kennengelernt. Er hat ihn vielleicht in jener Nacht im Inferno als einen der Schatten wahrgenommen, die ins Wasser sprangen. Der Kapitänleutnant überlebte den Schiffszimmerman von South Uist um fast ein Jahr, bis am 12. November 1943 ein amerikanischer B-24 Bomber U-508 vor der Küste Nordspaniens vor Cabo Ortegal aufspürte und seine Bomben auf das wild um sich feuernde U-Boot abwarf. U-508 ging mit allen 57 Besatzungsmitgliedern unter, während nur wenige Kilometer entfernt der Bomber ins Meer rauchend stürzte. Auch dies war nur eine Sache von Minuten. 


Als ich vor dem Grab des Angus M. MacLean stehe und die Hortensien sehe, gebe ich ihm ein Versprechen: Seine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte zweier Männer im Krieg, die sich nie sahen. Und die der Krieg für einen winzigen Augenblick zusammengeführt hatte.




Hinweis.
Für die Details zu dieser Gesschichte bin ich folgenden Webseiten zu Dank verpflichtet:
uboat.net für die Crewlisten der CLAN MACFADYEN.
ubootarchiv.de für die Textpassage des BdU.














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